Kundus-Affäre : Die Mittel zum Zweck

Der von der Bundeswehr befehligte Angriff in Kundus am 4. September 2009 soll möglicherweise nicht vorrangig den Tanklastzügen gegolten haben, sondern Taliban-Kämpfern. Spricht militärisch etwas dafür?

Erwin Starke

Betrachtet man das Geschehen Anfang September im afghanischen Kundus ausschließlich durch die Brille militärischer Logik, entsteht ein Bild, das die bisherigen Berichte über die Motive für den Luftangriff zu bestätigen scheinen. Es legt nahe, dass Oberst Georg Klein wohl nicht die Tanklaster selbst als Ziel für den von ihm befehligten Luftangriff im Blick hatte. Das ließe sich beispielsweise aus dem Unverhältnis der angewandten Mittel und der zu erreichenden Absicht ersehen. Vielmehr könnte er tatsächlich die Chance gewittert haben, einen Schlag gegen Taliban-Kämpfer zu landen.

Um die mit Benzin beladenen Tanklastzüge zu zerstören, hätten die eingesetzten Flieger lediglich einige Schuss aus ihren Bordkanonen benötigt. Nicht aber zwei 500-Kilogramm-Bomben in einem Wert von mehreren 1000 Dollar.

Offenbar ging es um die gezielte „Vernichtung“ der bei den Tanklastern vermuteten Taliban. Berücksichtigen sollte man dabei, dass das Wort „Vernichtung“ im militärischen Sinne gängiger Sprachgebrauch ist.

Auch die Aussage, bei dem Angriff sei es lediglich um vier hochrangige Taliban-Führer gegangen, ist fraglich. Diese hätte man auch gezielt ausschalten oder ergreifen können. Militärisch plausibler erscheint dagegen die Annahme, dass die Militärs eine außergewöhnliche Gelegenheit nutzen wollten. Die Taliban sind äußerlich von der normalen Bevölkerung nicht zu unterscheiden. Ihre Gefechtstaktik ist der Hinterhalt und das Agieren in kleineren Gruppen. Einen solchen Gegner militärisch nachhaltig zu treffen, ist nur mit großem Aufwand an Personal und Material möglich. Hier jedoch, in der Nacht des 4. September, bot sich die vermeintliche Möglichkeit, eine größere Ansammlung feindlicher Kämpfer mit einem Schlag auszuschalten.

Nahezu täglich hat die Bundeswehr im Raum Kundus mit Angriffen durch die Taliban zu tun, ohne des Gegners habhaft werden zu können. Mehrere Tote und Verwundete sind auch aufseiten der Bundeswehr zu beklagen.

Alternativen zum Luftangriff zeigten sich für die Bundeswehr kaum. Nach den bisherigen Informationen gab es für einen Angriff von Bodentruppen weder genügend dafür einsetzbare Soldaten noch Transporthubschrauber, die eine schnelle Verlegung in das Gebiet der gekaperten Tankwagen ermöglicht hätten. Überdies wäre das Risiko eigener Opfer durch ein Gefecht mit einem vermutlich starken Gegner kaum zu verantworten gewesen. Ein überraschender, massiver Luftschlag dagegen versprach damals für die bedrängten deutschen Truppen in Kundus ohne jedes Risiko Entlastung zu bringen.

Der Autor ist Militärhistoriker und Reserveoffizier.

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