Kundus : Zwei Anschläge, ein Toter, neun Verletzte

Steinmeier begegnet in Kabul der harten Realität: Zwischen Wiederaufbau und Selbstmord-Attentaten hin- und hergerissen, ist ihm das Entsetzen ins Gesicht geschrieben.

Christoph Sator/Can Merey (dpa)
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Wenig Erfreuliches konnten Steinmeier und Präsident Karsai austauschen. Foto: dpa

KabulSo schnell kann es gehen in Afghanistan: Eben erst hat Frank-Walter Steinmeier im schönsten Garten von Kabul, dem Bagh-e Babur, ein Apfelbäumchen gepflanzt – quasi als Symbol für das „andere Afghanistan“, wo der Wiederaufbau trotz allem eben doch vorangeht. Keine fünf Minuten später haben den Außenminister die schlechten Nachrichten wieder eingeholt: In der Nähe des deutschen Feldlagers Kundus, im Norden des Landes, hat sich wieder einmal ein Selbstmord-Attentäter in die Luft gesprengt. Fünf Soldaten leicht verletzt.

Am Abend, der Minister ist schon in seinem Hotel, kommt es noch schlimmer. Bei einem weiteren Anschlag, ebenfalls in der Nähe von Kundus, kommt ein deutscher Soldat ums Leben. Vier werden verletzt. Für die Bundeswehr, die in Afghanistan mit fast 4000 Soldaten im Einsatz ist, ist es der brutalste Tag seit langem. Zwei Anschläge innerhalb von so kurzer Zeit – das gab es noch nie. Am Ende eines Tages, an dem Steinmeier in Gesprächen mit Präsident Hamid Karsai und afghanischen Spitzenpolitikern auch Hoffnung schöpfen konnte, ist die Tonlage doch wieder eine völlig andere.

Abends, in der Lobby des hermetisch abgeriegelten „Serena“-Hotels in Kabul, ist ihm das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Fast trotzig formuliert er: „Auch solche Anschläge dürfen uns nicht davon abhalten, unsere Arbeit für eine bessere Zukunft eines geschundenen Volkes fortzusetzen.“ Dabei sind Steinmeiers Erfahrungen kein Einzelfall. Auch die Kanzlerin hatte sich jüngst einen Eindruck davon verschaffen können, wie gefährlich die Lage ist. Kaum hatte Angela Merkel vor drei Wochen einen Kundus-Besuch beendet, feuerten die radikal-islamischen Taliban-Milizen Raketen in Richtung des Lagers ab. Vielleicht sind das nur Zufälle. Doch das wird von Mal zu Mal weniger wahrscheinlich.

Am Mittwoch vergeht keine Stunde, bis sich ein Taliban- Sprecher zu dem ersten Anschlag bekennt. Er behauptet, alle deutschen Soldaten der Patrouille seien getötet worden – es ist nicht die erste Lüge der Propagandaabteilung der Taliban. Und doch ist es ihnen gelungen, wieder international Schlagzeilen zu machen. Sie haben erneut bewiesen, dass sie auch im vergleichsweise ruhigen Norden zuschlagen können.

Dass die Lage in anderen Landesteilen noch viel verheerender als im Norden ist, dafür sind nicht zuletzt die Mitteilungen der US-Armee ein klarer Beleg. Alleine am Mittwoch wurden bei schweren Gefechten in gleich drei Provinzen mehr als 40 Aufständische getötet, deren Nachschub an Kämpfern nicht zu versiegen scheint. Und die Taliban wollen die Gewalt nach eigenem Bekunden noch verschärfen. Als Reaktion auf die vor der Präsidentschaftswahl im August geplanten massiven internationalen Truppenverstärkungen kündigte Taliban-Vizechef Mullah Brodar Akhund an, an diesem Donnerstag werde eine „starke und robuste“ Operation beginnen. “

Trotz der Drohungen will sich aber die Bundesregierung von ihrem Engagement nicht abbringen lassen. Steinmeier verweist auch nach den Anschlägen darauf, dass für den Wiederaufbau schon einiges erreicht wurde. Alles in allem werden bis 2011 aus Deutschland wohl insgesamt 1,2 Milliarden Euro geflossen sein. Christoph Sator/Can Merey (dpa)

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