Politik : Kunst der Ausgewogenheit

Stiftungsdirektor Kittel stellt in Berlin Eckpunkte der Ausstellung Flucht, Vertreibung, Versöhnung vor

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Aus dem Osten. Vertriebene treffen im Lager Allach bei München ein. Foto: Ernst Grossar/bpk
Aus dem Osten. Vertriebene treffen im Lager Allach bei München ein. Foto: Ernst Grossar/bpkFoto: bpk / Ernst Grossar

Berlin - Wenn es denn nur der Expertenstreit darüber wäre, ob eine eigene Erinnerungsstätte an die Vertreibung von 14 Millionen Deutschen in der Folge des Zweiten Weltkriegs die Singularität der Verbrechen des Naziregimes relativieren würde. Mit viel mehr noch ist die aktuelle Debatte über die Stiftung Flucht, Vertreibung und Versöhnung aufgeladen: mit Personalquerelen um die Besetzung des Stiftungsrates, mit dem Streit über ihre inhaltliche Ausrichtung, mit der Sorge der Politik, das Projekt könnte Polen und Tschechien provozieren, und jüngst mit den Kollateralschäden, die Äußerungen von Vertriebenenpräsidentin Erika Steinbach in Richtung des polnischen Deutschlandbeauftragten Wladyslaw Bartoszewski hervorgerufen haben.

In diese überhitzte Atmosphäre hinein hat nun am Samstag der Gründungsdirektor der Stiftung, Manfred Kittel, Eckpunkte einer mit Spannung erwarteten Konzeption für das geplante Ausstellungs-, Informations- und Dokumentationszentrum vorgestellt. Für den Historiker mit Lehrauftrag an der Universität Regensburg war es ein Balanceakt: Zum einen wollte er die Experten, die zu einer dreitägigen internationalen Konferenz über Ausstellungsarbeit zum Thema Flucht, Vertreibung und „ethnische Säuberung“ ins Deutsche Historische Museum gekommen waren, nicht mit Plattitüden abspeisen. Zum anderen musste er Rücksicht darauf nehmen, dass die eigentliche Konzeption laut Stiftungsgesetz zunächst dem Stiftungsrat vorzulegen ist, der sich damit auf seiner konstituierenden Sitzung am 25. Oktober befassen wird.

So hangelte sich Kittel zunächst an den Leitlinien der Stiftungsarbeit entlang, die die große Koalition im Jahr 2008 mit dem Gründungsbeschluss vorgegeben hatte. Die Ausstellung werde ihren Beitrag „in der Kontinuität der Verständigungspolitik“ Deutschlands und „im Geiste der Versöhnung“ leisten – womit der im Stiftungsnamen an dritter Stelle rangierende Begriff zum inhaltlichen Eingangsmotiv avancierte. Die historischen Voraussetzungen für Flucht und Vertreibung sollen „vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik einen zentralen Bezugspunkt bilden“. Flucht und Vertreibung der Deutschen stellten einen Hauptakzent der Ausstellung dar, würden aber „in den Kontext europäischer Vertreibungen im 20. Jahrhundert eingebettet“.

Flucht und Vertreibung sowie der Verlust eines großen Teils des staatlichen Territoriums gehörten „zu den schwerwiegendsten Erfahrungen in der deutschen Geschichte“, sagte Kittel. Doch die Stiftung habe den Auftrag, „nicht nur das Schicksal der deutschen Vertriebenen in den Blick zu nehmen, sondern Opfer ,ethnischer Säuberungen’ während des gesamten 20. Jahrhunderts“. Dazu werde nicht nur ein Überblick über die mehr als 30 vertriebenen ethnischen Gruppen in Europa vermittelt. Vielmehr würden weitere „ethnische Säuberungen“ ausführlich geschildert, die exemplarischen Charakter hätten, etwa die Schicksale der Griechen und Türken vor und nach dem Vertrag von Lausanne 1923, die der finnischen Karelier 1944 und die der Vertriebenen der Kriege im Jugoslawien der 90er Jahre. Man werde aber die „fundamentalen Unterschiede“ zwischen „ethnischen Säuberungen“ und Genozid, zwischen Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg und nationalsozialistischem Holocaust zeigen.

Rückgrat werde ein chronologisch angelegter Rundgang sein, „der den für Zwangsmigration im 20. Jahrhundert zentralen historischen Ereignissen folgen soll“: Der Erste Weltkrieg als Katalysator für „ethnische Säuberungen“, das spannungsgeladene Zusammenleben in den sich neu formierenden Staaten, die Genese der völkisch-rassistischen Teile der NS-Ideologie und ihre Maßnahmen bis 1938, der Eroberungs- und Vernichtungskrieg Nazi- Deutschlands, die Vertreibung der Deutschen und weitere Zwangsemigrationen nach 1945, die Eingliederungsprozesse in beiden deutschen Staaten bis hin zur Frage, wie es um eine europäische Erinnerungskultur nach 1989 steht.

In Fallstudien zu Regionen und Orten in den historischen Landschaften Mittel-, Ost- und Südosteuropas sollen die Konflikte und Radikalisierungsphänomene in ihrer Komplexität vorgestellt werden. Kittel nannte als Beispiel die Stadt Lodz, die während de Zweiten Weltkrieges „Schaltstelle einer rassistisch motivierten Umsiedlungs-, Deportations- und Vernichtungsmaschinerie“ gewesen sei.

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