Kurdisch-türkischer Konflikt : Bush und Erdogan sprechen in Rätseln

Kommt nun die Offensive? Nach dem Gespräch von US-Präsident Bush und Minister Erdogan in Washington ist weiter unklar, ob mit einer militärischen Intervention der Türkei im Nordirak zu rechnen ist oder nicht. Die USA starteten inzwischen Erkundungsflüge über den Lagern der PKK.

Frank Brandmaier[dpa]

Washington Einzelheiten wollte er nicht ausplaudern, aber mit seiner Stimmung nach dem Treffen mit US-Präsident George W. Bush hielt der türkische Regierungschef nicht hinterm Berg. "Ich bin erfreut", bekannte Recep Tayyip Erdogan, kurz nachdem er das Weiße Haus verlassen hatte. Angesichts des Drängens der Türkei auf eine Militäroffensive gegen die Lager der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK fragt sich nun alle Welt - bekam Erdogan wie gewünscht Grünes Licht aus Washington, um zum baldigen Schlag gegen die Rebellen im Nordirak auszuholen?

Doch eine klare Antwort blieben sowohl der Ministerpräsident aus Ankara, Bush als auch hochrangige US-Regierungsbeamte schuldig. Denn die Entscheidung ist für die USA hochbrisant - ein Drahtseilakt zwischen dem Nato-Partner Türkei und den verbündeten Kurden. Zudem dürfte sowohl dem Weißen Haus wie auch der Türkei daran gelegen sein, die PKK über die nächsten - womöglich militärischen - Schritte im Unklaren zu lassen, um den Druck auf die Rebellen zu erhöhen.

Militäraktion: Ja oder Nein?

Auf Fragen nach der amerikanischen Reaktion auf eine türkische Militäraktion flüchtete sich der Präsident ins Vage. "Hypothetisch" seien solche Gedanken. "Es ist ja schön darüber zu spekulieren, was passieren oder nicht passieren könnte. Aber nichts kann passieren, bevor man nicht gute Geheimdienstinformationen hat." Dies zumindest sagte Bush dem Ministerpräsidenten zu, wie auch verstärkten Kontakt zwischen dem türkischen Militär und den US-Streitkräften im Irak.

Wie zum Beweis, den Worten auch Taten folgen zu lassen, verstärkten die USA inzwischen Erkundungsflüge über Lagern der PKK, die auch die Vereinigten Staaten als Terrororganisation betrachten. "Das Beste, auf das die US-Regierung nun hoffen kann, ist die Türkei zu überzeugen, es bei einer begrenzten Militäraktion zu belassen", befand der frühere US-Außenamtsmitarbeiter und jetzige Leiter des Instituts für Internationale Beziehungen der Lehigh-Universität in Bethlehem (Pennsylvania), Henri Barkey, vor dem Treffen Bushs mit Erdogan. So könnte seiner Ansicht nach die verärgerte türkische Öffentlichkeit beruhigt werden.

Erdogan: Wir sind nicht auf Krieg aus

Erdogan selbst nährte nach dem Gespräch mit dem US-Präsidenten Spekulationen, dass es darauf hinauslaufen könnte. "Wir sind nicht auf Krieg aus", betonte er. "Wir haben eine (militärische) Operation ins Auge gefasst." Dafür habe das türkische Parlament der Regierung auch das Mandat erteilt. Die USA stecken in der Zwickmühle. Die Türkei ist nicht nur ein zentraler Verbündeter in der islamischen Welt, sondern auch wichtige Drehscheibe für den Nachschub für die US-Truppen im Irak. Die Beziehungen sind gespannt, weil Ankara seit langem kritisiert, Washington unternehme nicht genug gegen die PKK.

Wenig dienlich war dann auch noch vor kurzem eine Resolution des Auswärtigen Ausschusses des US-Repräsentantenhauses, in der die blutige Verfolgung der Armenier am Ende des Osmanischen Reiches als Völkermord angeprangert wird - eine klare Beleidigung aus türkischer Sicht. Andererseits gelten die Kurden als einzige Volksgruppe im Irak, die den USA zugetan ist. Ein massives Eingreifen Ankaras birgt überdies die Gefahr, dass der Konflikt die gesamte Region miterfasst.

Washington ruft Türkei zur Zurückhaltung auf

Offiziell rief Washington die Türkei bislang immer wieder zur Zurückhaltung auf. Doch auch Bush weiß, dass ein Entgegenkommen das zerrüttete Verhältnis zu Ankara durchaus bessern könnte. Der US-Präsident ließ keinen Zweifel, wo er in dem Konflikt steht: Die PKK sei "ein Feind der Türkei, ein Feind des Iraks und ein Feind der USA", betonte er. Erdogan nahm nach dem Treffen den Faden auf und deutete den möglichen nächsten Schritt an: "Ich nehme an, ich muss nicht erklären, was aus dem Wort Feind zu folgern ist." (mit dpa)

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