Politik : Kursk-Katastrophe: Wendekommando

Elke Windisch

In beiden Gesichtern stand ein gefrorenes Lächeln, als Wladimir Putin am Freitag der Witwe des Kursk-Kommandanten, Irina Ljatschina, den Stern des "Helden Russlands" überreichte. Leere Augen sahen in leere Augen: Auch der höchste Tapferkeitsorden, den die Heimat zu vergeben hat, macht die 118 Matrosen und Offiziere des Atom-U-Boots nicht wieder lebendig, das vor einem Jahr in der Barentssee sank.

Bescheidenheit hieß daher die Parole, die Kreml und Seekriegsflotte für den Gedenkgottesdienst an diesem Sonntag in Widjajewo, dem Heimathafen der Kursk ausgegeben haben. Die meisten Hinterbliebenen leben inzwischen jedoch in St. Petersburg. Auch dort werden Punkt zwölf Uhr alle Kirchenglocken läuten. Zur gleichen Stunde allerdings wird ein Stadtfest eröffnet, bei dem Fertigkeiten beim Bau von Figuren aus Sand gefragt sind. Mit eben dieser Meldung begann Moskaus Dudelfunk seine Nachrichten. Die Kursk dagegen blieb außen vor. Die russische Seele, die schon im letzten August nicht den Schmerz zeigte, den der Rest der Welt ihr andichtete, scheint mit dem Thema längst fertig zu sein.

Die Politiker sind dafür um so reger. Lange war in Sachen Kursk Geheimhaltung erste Bürgerpflicht. "Wie Sie sehen, sehen Sie gar nichts", entfuhr es wiederholt dem genervten Moderator im Staatsfernsehen: Bei den chaotischen Rettungsarbeiten im August letzen Jahres, bei der Bergung der ersten Leichen im November und den Vorbereitungen zur Hebung. Am Donnerstag kam offenbar das Wendekommando: Erstmalig wurden Bilder gezeigt, eingefangen von einer Kamera, die direkt am Helm der Taucher befestigt ist. Die total vernetzte Welt soll bald sogar in Echtzeit mit dabei sein: auf den Webseiten kursk.strana.ru und kursk.141.org. Kremlbeamte stellten das Projekt diese Woche mit großem Brimborium in London und Brüssel vor.

Das Ziel der für Russland bisher beispiellosen PR-Kampagne ist vor allem Schadensbegrenzung. Noch ist frisch in Erinnerung, wie in den sieben Tagen, als die Welt um das Schicksal der Besatzung bangte, aus der "Unregelmäßigkeit" zunächst eine "Havarie", dann eine "Situation am Rande der Katastrophe" und schließlich eine Katastrophe wurde. Zeit, die Kreml und Marineführung vor allem dazu nutzten, die Öffentlichkeit mit einem Konglomerat aus Halbwahrheiten und Lügen ruhig zu stellen. Putin machte indessen Urlaub am Schwarzen Meer und äußerte sich erst am dritten Tag, als alle TV-Kanäle schon stündliche Sondersendungen brachten, eher beiläufig zu dem Drama.

"Einen schweren Fehler" nannte er seine schwache Performance im April in seiner Jahresbotschaft. Eine Erkenntnis, zu der ihm offenbar erst ein von den Hinterbliebenen erzwungenes Treffen verhalf, bei dem es einen neuen Skandal gab: Um die Mutter eines toten Matrosen zum Schweigen zu bringen, setzte eine Militärärztin ihr eine Betäubungsspritze.

Eine eher schwache Kür lieferten die PR-Manager auch im November, als die ersten zwölf Leichen aus dem Wrack geborgen wurden. Dabei wird in der Tasche von Kapitänleutnant Dmitrij Kolesnikow ein Zettel gefunden. Der Inhalt wird jedoch nur in Teilen veröffentlicht: Die Notizen lassen Rückschlüsse auf die Unglücksursachen zu. Zu jenem Zeitpunkt dementierte die Flotte noch verbissen, was inzwischen längst bekannt ist: Ursache des Unglücks war eine Explosion, ausgelöst durch eigene Torpedos. Zum anderen könnte der Zettel Aufschluss geben, wann auf der Kursk das Leben tatsächlich erlosch. Das aber würde die These erschüttern, wonach selbst dann, wenn Moskau ausländische Hilfe sofort angenommen hätte, niemand hätte gerettet werden können.

Die Familien der Toten meinen, die vollständige Aufklärung der Katastrophe werde schon deshalb nicht möglich sein, weil der Bug, wo die Explosion stattfand, bis auf weiteres auf dem Grund der Barentssee bleibt. Die Angehörigen haben jede Hoffnung auf Bestrafung der Schuldigen verloren. Der Kreml will sich offenbar mit einem Bauernopfer aus der Verantwortung stehlen. Der Nachfolger für Flottenchef Wladimir Kurojedow wird bereits eingearbeitet.

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