Politik : Kurswechsel in der Landwirtschaft: Pro Gen-Food: Wenn schon künstlich, dann richtig

Bärbel Schubert

Ob es einem gefällt oder nicht: Der BSE-Skandal bedeutet für eine breite Einführung gentechnisch veränderter Nahrungsmittel den Durchbruch. Befürworter der Gentechnik werben seit Jahren damit, dass sie mit der neuen Technik den Hunger in der Welt auf kontrollierbare Weise bekämpfen können. Bei der Qualität soll es dabei keine Abstriche geben. Trotz dieser Versprechungen einer schönen neuen Welt lehnte die große Mehrheit der Bundesbürger gentechnisch veränderte Nahrungsmittel bisher ab - anders als Medikamente, die auch in ihrer gentechnisch erzeugten Form ungeminderte Zustimmung erhalten, wie etwa Insulin.

Beim Tierfutter ist der Durchbruch jetzt schon vollzogen. Seitdem Tiermehl als mögliche Infektionsquelle für BSE erkannt wurde, hat sich genverändertes Soja als saubere Alternative profilieren können. Fast lautlos trat es an die Stelle von Tiermehl, obwohl bei Interessierten bekannt ist, dass ein gewichtiger Anteil der Soja-Sorten, besonders in den USA, gentechnisch verändert wurde. Angesichts der Gefährdungen durch BSE und die Creutzfeld-Jakob-Krankheit beim Menschen tauchte die Frage nach möglichen Folgen des neuen Eiweißlieferanten für die späteren Produkte Fleisch, Milch und Käse gar nicht mehr auf. Obwohl gerade diese Produkte im Nach-BSE-Speiseplan oft das Fleisch ersetzen.

Der Imagegewinn bei den Futtermitteln kann auf Dauer nicht ohne Auswirkungen auf das Ansehen von Gen-Food bleiben, zumindest solange es keinen Skandal mit genveränderten Lebensmitteln gibt. Das Image des Sauberen und Kontrollierbaren bei Lebensmitteln hat eine Faszination - gerade für diejenigen, die sich über ihre Ernährung Gedanken machen. Und die Imagewerbung der Wissenschaft für genveränderte Pflanzen läuft weiter, etwa zum Thema Allergierisiko. Das ist bei genveränderten Kartoffeln viel geringer und auch besser überschaubar als bei unbekannten Stoffen in tropischen Pflanzen, die wir inzwischen ganz selbstverständlich essen. Das sagt etwa die Bundesanstalt für Züchtungsforschung an Kulturpflanzen. Der informierte Leser bleibt skeptisch oder ist eventuell auch schon alt genug, um sich an die Werbung der Atomindustrie vor Tschernobyl zu erinnern.

Die Verbraucher suchen Alternativen: Vegetarische Ernährung oder der Einkauf im Bioladen sind solche Antworten auf die neuen Verunsicherungen. Nun führt der größere Aufwand für eine bewusstere Ernährung im Allgemeinen auch zu einer besseren Ernährung. Doch viele Verbraucher fühlen sich durch den größeren Zeitaufwand dieser Lebensweise überfordert oder können sich die höheren Preise einfach nicht leisten.

Sofern diese Fragen sie überhaupt interessieren, bleibt für die meisten von ihnen nur der bewusstere Einkauf im Supermarkt. Doch in deren Regalen wartet oft mehr Verwirrung als Aufklärung auf die Verbraucher, die sich informiert entscheiden wollen. Die Lektüre der Etiketten erschließt dem Normalinformierten meist überhaupt nicht, was in der Verpackung ist - manchmal sind die Angaben obendrein sogar falsch, wie sich bei den jüngsten Kontrollen erwiesen hat. Die Verwirrung ist komplett. Der handfeste Schrecken über die Seuche BSE wirkt bei der Suche nach gesunden Ernährungsalternativen aber derzeit allemal stärker als die diffuse Verunsicherung über mögliche, doch ungeklärte Folgen der Gentechnik.

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