Politik : Kurswechsel in Polen: "Solidarität" in derVerantwortung zurück

Schwierige Koalitionsverhandlungen erwartetTagesspiegel-Interview mit Wahlsieger Krzaklewski WARSCHAU (AFP/rtr/Tsp).Nach vier Jahren müssen Polens Ex-Kommunisten die Macht vermutlich an eine konservative Koalition aus Christdemokraten und Liberalen abgeben.Die Wähleraktion Solidarität (AWS) ist die klare Siegerin der Parlamentswahlen vom Sonntag.Sie kam nach Hochrechnungen vom Montag auf 33,9 Prozent der Stimmen, 7,1 Punkte vor der regierenden Demokratischen Linken (SLD).Das erste Treffen, bei dem Chancen für ein Zusammengehen der Solidarität und der drittplazierten Freiheitsunion (UW) ausgelotet werden sollen, ist für den heutigen Dienstag geplant.Es wird mit schwierigen Verhandlungen gerechnet.­Völlig offen war am Montag zunächst, wer die Nachfolge von Ministerpräsident Wlodzimierz Cimoszewicz antreten wird.AWS-Chef Marian Krzaklewski, der in einem Interview des Tagesspiegels den Beitritt zu EU und NATO sowie die wirtschaftliche Stärkung des Landes als wichtigste Ziele nannte, will nicht Regierungschef werden, sondern weiterhin Vorsitzender der Gewerkschaft Solidarität bleiben.Ihm werden aber Ambitionen auf das Amt des Staatschefs nachgesagt.Polens Präsident Aleksander Kwasniewski brachte unterdessen nach dem Wahlerfolg des bürgerlichen Lagers den Chef der kleineren liberalen Freiheitsunion (UW), Leszek Balcerowicz, als neuen Regierungschef ins Gespräch.Mit seiner wirtschaftlichen Erfahrung sei der Reformer Balcerowicz ein "exzellenter Kandidat" für das Amt, sagte Kwasniewskis Sprecher Antoni Styrczula. Die Wähler votierten deutlich für einen Machtwechsel.Die größten Verluste mußte die mit dem Linksbündnis SLD regierende Bauernpartei (PSL) einstecken, die laut Hochrechnung nur mehr 6,8 Prozent der Stimmen auf sich vereinigen kann und damit rund hundert Abgeordnetenmandate einbüßt.Insgesamt zählt das Unterhaus, der Sejm, 460 Abgeordnete.Nach dem Auszählungsstand von Montag nachmittag gelang als fünfter Partei der rechtspopulistischen Bewegung für den Wiederaufbau Polens (ROP) mit 5,4 Prozent der Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde.Die ROP könnte ebenfalls an einer künftigen Mitte-Rechts-Regierung beteiligt werden. Nach dem Auszählungsstand kommt die AWS auf 202 Sitze, die SLD auf 156, die UW auf 66, die PSL auf 29 und die ROP auf 5.Dazu kommen zwei Abgeordnete der deutschen Minderheit.Die Wahlbeteiligung betrug 59 Prozent, sie war damit deutlich höher als vor vier Jahren.Das Endergebnis soll am Mittwoch oder Donnerstag feststehen. UW-Vertreter Bronislaw Geremek nannte die AWS den wahrscheinlichsten Verbündeten der Liberalen.Er kündigte an, die UW werde ihren Vorsitzenden Balcerowicz als Kandidaten für das Amt des Ministerpräsidenten aufstellen.Der Vater der polnischen Wirtschaftsreformen ist allerdings nicht sehr beliebt, weil mit den Reformen drastische Preissteigerungen einhergingen.Ex-Präsident Lech Walesa hatte am Sonntag angekündigt, er werde in den kommenden Tagen ein Treffen von Krzaklewski und Balcerowicz organisieren.

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