Kurt Beck : Mainz bleibt seins

Bei seiner öffentlichen Abrechnung mit den Berliner Intrigen gibt sich der Ex-SPD-Chef befreit: Kurt Beck ist wieder in Mainz angekommen und atmet auf. Barsch wird er nur, als Journalisten ihn nach Einzelheiten seines Rücktritts fragen.

Hans Monath[Berlin],Marion Mück-Raab[Mainz]
Beck
Wieder in der Heimat. Kurt Beck in Mainz. -Foto: ddp

Kurz vor halb zwölf. Nur noch wenige Minuten, dann kommt Kurt. „Unser Kurtche“, wie einer hier sagt. „Dem man so übel mitgespielt hat.“ Seine Landsleute erwarten Kurt Becks erste öffentliche Erklärung nach seinem Rücktritt als Bundesvorsitzender der SPD mit Spannung. Dann ist er da, so pünktlich wie selbstbewusst – und spricht vielleicht eine der letzten Lügen, die er sich noch zumutet: „Guten Morgen meine Damen und Herren, ich bedanke mich für Ihr Interesse“, sagt der im Bund gescheiterte SPD-Chef und kommt dann zur Sache.

Vor einer blauen Wand mit der schnörkeligen Aufschrift „Rheinland-Pfalz“ begründet Beck, warum er als Parteichef zurückgetreten ist und als Ministerpräsident und SPD-Landeschef weitermacht.

Ruhig erklärt er, wie er schon vor Monaten die Entscheidung zum Thema Kanzlerkandidatur vorbereitet und mit Steinmeier Gespräche geführt habe, wie die Ereignisse vom Wochenende zu seinem Rücktritt führten. Den nennt er schlüssig: „Man kann den Vorsitz einer so großen Partei nicht wahrnehmen, wenn Handlungsspielräume derart eingeschränkt sind.“ Man merkt Beck an, dass er gern deutlicher werden würde. Er will der SPD nicht schaden und erlaubt sich keine Illoyalität gegenüber seiner Partei. Nur so viel: Sein offener Stil als Vorsitzender sei mit Vertrauensbruch konterkariert, seine Offenheit und Kollegialität von vielen missverstanden worden. Immer wieder variiert Beck ein Motiv, das er auch zu seiner Zeit als Parteichef oft ansprach: Es ist das Bild vom aufrechten Politiker, der sich den fragwürdigen Methoden der Berliner Politiksphäre verweigert und dem aus dieser Geradlinigkeit Nachteile entstehen. Im Kern geht es darum, ob sich Kurt Beck verbiegen lässt.

Zur Illustration der Versuchung des Bösen, die er im fernen Berlin erlebte, erzählt Beck von der Journalistin, die ihn aufforderte, die Wahrheit zu verraten. „Dann sagen Sie halt mal, dass fünf plus fünf elf ist, dann sind alle zufrieden“, habe die ihm geraten. Beck hebt den Blick und macht eine Kunstpause, bevor er mit etwas tieferer Stimme versichert: „Das wird niemand erleben.“

Zwischen den Zeilen wird klar, dass Beck mit seiner Kritik vor allem auf Franz Müntefering zielt, dessen Ernennung zu seinem Nachfolger er am Wochenende noch zu verhindern suchte. Doch versichert der Politiker zugleich, die Vorwürfe bezögen sich „ausdrücklich nicht auf die erste politische Reihe“, und nimmt damit sowohl Steinmeier als auch Müntefering zumindest formal in Schutz. Einzelheiten der angeblichen Intrige will er auch nicht nennen: „Ich habe kein Interesse, meiner Partei zusätzlich Schwierigkeiten zu machen“, meint er.

Mit den besten Wünschen für die weitere Arbeit habe er sich verabschiedet, schildert Beck seinen Abgang – um dann zum erfreulichen Teil zu kommen: „Es lohnt sich, in diesem Land Politik zu machen“, sagt Beck. Er meint Rheinland-Pfalz: „Absolute Zustimmung ist mir hier zuteil geworden“, pflegt der Angeschlagene sein Landesvater-Image und wird so gefühlig, wie man das hier gerne hat: Einfache Menschen hätten ihm geschrieben, weit mehr als tausend Briefe habe er bekommen, in denen man ihm Solidarität bekundet habe. Beck ist wieder in Mainz angekommen und atmet auf, weil er sich künftig kaum mehr mit jenen Berliner Journalisten und Strippenziehern herumschlagen muss, von denen er die Nase so voll hat. Vor den heimischen Mikrofonen wirkt er authentischer und überzeugender als bei vielen Auftritten der vergangenen Monate. Die heimische SPD ist froh über die Entwicklung. „Jetzt hat er wieder mehr Zeit für die Landespolitik“, freut sich eine Kommunalpolitikerin. „Diese Quälerei auf Bundesebene hat man sich ja nicht mehr mitansehen können.“ Sie spüren schon Aufwind: „Wenn Beck sich wieder voll aufs Land konzentrieren kann, regieren wir hier die nächsten fünfzig Jahre“, meint ein Mainzer Genosse.

Kurt Beck darf wieder Kurt Beck sein. „Es wird dabei bleiben, dass ich kein anderer bin, als ich bin“, hat er gesagt. Das zweite „ich“ in dem Satz hat er betont. Gegen Ende der Pressekonferenz wird dann noch einmal deutlich, dass sich der Mann mit dem dunklen Anzug und der festlich- goldenen Krawatte über das Interesse der Journalisten an den Einzelheiten seines Rücktritts nicht wirklich freut: Da wird er ziemlich barsch und bügelt manche Frager schlicht ab.

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