Politik : Kurz und bündig: Jürgen Nitz: Unterhändler zwischen Berlin und Bonn

Gerald Glaubitz

Als Herbert Häber im so genannten zweiten Politbüroprozess im Sommer letzten Jahres von der Anklage wegen Totschlags durch Unterlassen freigesprochen wurde, gab es in der schon längere Zeit wiedervereinigten Bundesrepublik einige Aufregung: Angehörige der Mauer-Opfer und Mitglieder der DDR-Bürgerrechtsbewegung reagierten empört, führende Politiker hüben wie drüben aber auch mit Erleichterung. Nicht ohne Grund: Denn es war Häber, der als Leiter der Westabteilung des ZK der SED, von hochrangigen Bonner Politikern als DDR-Emissär hoch geschätzt wurde. Durch sein Tun hat Häber die Mauer ein wenig durchlässiger gemacht. Sehr zum Unmut Moskaus. Häbers erzwungener "freiwilliger" Rücktritt als Mitglied des Politbüros 1985 war die Folge.

Das nun in zweiter, erweiterter Auflage vorliegende Werk über den oft Schwindel machenden Drahtseilakt informeller Ost-West-Kontakte berücksichtigt in einem sehr instruktiven Nachtrag den Häber-Prozess. Dieser wird durchaus sachlich dokumentiert. Insbesondere die Schilderung des Prozessverlaufs lässt den Leser hinter die Kulissen der Ost-West-Kontakte blicken. Zudem wird deutlich, wie im Politbüro entschieden wurde. Aber das Buch von Jürgen Nitz zeigt auch die Grenzen der deutschlandpolitischen Aktivitäten in den 70er und 80er Jahren auf. Dies dokumentieren Text und Quellen ebenso wie die mit stalinistischen Methoden vollzogene "Kaltstellung" Häbers.

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