Politik : Kurz und Bündig: Zwei Buchtipps

Jürgen Schmidt

Walter Hanesch u.a.: Armut und Ungleichheit in Deutschland. Wer sich nicht mit dem Schlagwort von der "Zwei-DrittelGesellschaft" zufrieden geben möchte, wer der polemischen Frage Hans-Olaf Henkels "Kennen Sie einen Armen?" auf den Grund gehen möchte, dem sei das Buch "Armut und Ungleichheit" in Deutschland empfohlen. Denn der "neue Armutsbericht der Hans-Böckler-Stiftung, des DGB und des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes" operiert mit genau jener Armutsdefinition, die der ehemalige BDI-Präsident Henkel jüngst als Gleichmacherei gebrandmarkt hat. Als einkommensarm gilt, wer die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens der Bevölkerung unterschreitet. Der Armutsbericht untersucht fünf besonders armutgefährdete gesellschaftliche Personengruppen: Arbeitslose, Behinderte, (kinderreiche) Familien, deutsche und ausländische Migranten sowie Bezieher niedriger Einkommen. 1998 lebten 9,1 Prozent der Bevölkerung in Einkomenarmut. Ein weiteres Viertel muss mit einem Niedrigeinkommen von weniger als 75 Prozent aller Durchschnittseinkommen leben. Fallbeispiele oder Milieuschilderungen sucht man allerdings vergebens. Gelegentlich entsteht bei der Lektüre der Eindruck der Berg kreißte und gebar eine Maus. Etwa, wenn nach einer ausführlichen Tabellenanalyse als Endresultat festgehalten wird, dass die Bezieher niedriger Einkommen "ein überdurchschnittliches Risiko" tragen, in die Armut zu geraten. Aber vielleicht müssen für manche Wirtschaftsbosse und Politiker auch solche Binsenwahrheiten noch einmal klar und deutlich hervorgehoben werden. (Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2000. 601 Seiten. 26,90 DM) Jürgen Schmidt

Peter Cornelius Mayer-Tasch: Über Prophetie und Politik. Schon immer haben Politiker versucht, durch einen vermeintlichen Blick in die Zukunft die Handlungsbedingungen im "Hier und Jetzt" zu optimieren. Was jedoch erstaunt, ist die Tatsache, dass sich dieser Versuch, etwas "vorherzusehen", auch in Europa weit bis ins 20. Jahrhundert gehalten hat: Clemenceau konsultierte die Hellseherin Madame Fraya, Diktator Stalin den polnischen Hypnotiseur Messing. Auch in der deutschen Nachkriegszeit waren die Besuche der Astrologin Buchela in Bonn stets eine bunte Meldung wert. Werden Politiker auch heute noch versuchen, durch einen hellseherischen Blick in die Zukunft die Gegenwart besser zu meistern? Nun ist diese von Mayer-Tasch beschriebene Wechselwirkung zwischen Weissagung und Politik nicht nur erklärungsbedürftig, sondern birgt auch Brisanz: Ein Politiker, der versucht, sich durch einen "Blick in die Zukunft" vermeintlich einen Wissensvorsprung zu sichern, versucht eben, die für ihn geltenden Gesetze des politischen Wettbewerbs in gewisser Hinsicht auszuhebeln. Dieser Glaube, durch Hellseherei womöglich die eigene politische Macht noch um einige Zeit verlängern zu können, ist denn auch das eigentliche Problem. Und genau dieser Aspekt kommt bei Peter Cornelius Mayer-Tasch doch leider etwas zu kurz. (Gerling, München 2000. 127 Seiten. 36 DM) Andreas Schworck

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar