Politik : Kurz und bündig: Zwei Buchtipps

Christian Böhme

Die Neue Gesellschaft - Frankfurter Hefte: Reden, die Geschichte machten. Rhetorisches Geschick, inhaltliche Tiefe, analytische Schärfe und eine gute Portion Leidenschaft, gepaart vielleicht sogar noch mit einer Vision. Das alles macht eine große Rede aus. In Deutschland waren und sind solche erinnerswerten, weil möglicherweise auch folgenreichen Ansprachen eher die Ausnahme. Zwei ganz unterschiedliche Reden fallen einem spontan ein: Richard von Weizsäckers Ausführungen zum 40. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1945 und Martin Walsers Paulskirchen-Philippika über die Schlagkraft von Moralkeulen in der deutschen Erinnerungsarbeit. Aber es gab auch andere beachtenswerte Reden in den vergangenen fünf Jahrzehnten. Über Hintergründe und Inhalt von fünfzehn kann man sich jetzt sehr gut in der neuen Ausgabe der Frankfurter Hefte informieren. Es sind kleine, zumeist gut lesbare Essays: etwa zur deutschen Außenpolitik (Herbert Wehner 1960 über die Westintegration), zur Bedeutung von 1968 (Rudi Dutschke über die Notwendigkeit von Protesten) und über die deutsche Wiedervereinigung (Jens Reich 1989 zu den zivilen Werte einer sanften Revolution). Unterhaltsamer Geschichtsunterricht mit Tiefgang. (Doppelheft Januar/Februar. J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2001. 128 Seiten. 29,60 DM.) Christian Böhme

Dieter Langewiesche: Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa. Als im Dezember 2000 auf dem EU-Gipfel in Nizza nationale Rivalitäten aufeinander prallten, war von einem supranationalen Geist wenig zu spüren. Die Konflikte waren Ausdruck eines Grundproblems der Staatengemeinschaft: Die Europäische Union hat zwar zahlreiche nationalstaatliche Kompetenzen übernommen, "den Nationalstaat als vorrangige Ordnungsmacht im Leben des einzelnen Bürgers jedoch bislang in keiner Weise verdrängen können". Diese Feststellung findet sich in Dieter Langewiesches Buch über das Phänomen des Nationalismus. Der Bogen ist gelungen weit gespannt vom 18. Jahrhundert bis zu Gegenwartsproblemen europäischer Integrationspolitik, von der gesellschaftlichen Bedeutung der Turnbewegung nach 1811 bis zur Frage nach dem Beitrag, den die "schwäbische Sängerbewegung" zur "kulturellen Nationsbildung" leistete. Trotz der bunten Vielfalt hinterlässt das Buch einen einheitlichen Eindruck. Es führt zu den historischen Wurzeln komplexer Begriffe und macht sie verständlich. Dabei werden die Leistungen und Gefahren, die diesen bedeutungsschweren Bezeichnungen inne wohnen, präzise analysiert. (Ch. Beck, München 2000. 266 Seiten. 25,90 DM)

Jürgen Schmidt

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