Politik : KURZ & BÜNDIG

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DIE NOT DER ÜBERLEBENDEN

Man verlangt von uns Juden, daß wir das, was man uns angetan hat, möglichst bald als nicht geschehen ansehen sollen. Wir sollen uns voll und ganz für den „Neuaufbau Deutschlands“ einsetzen. Von einer Vergütung der Schäden, die wir erlitten haben, ist nicht die Rede. Ich habe mich im Mai für den Wiederaufbau zur Verfügung gestellt und habe mit Lust und Liebe mitgearbeitet. Jetzt bin ich bald soweit, daß ich den Tag herbeisehne, an dem ich die Möglichkeit finde, Deutschland zu verlassen.

Kurt Braunspan, BerlinSpandau,

8. Januar 1946

Noch heute haben Juden in Berlin nicht einmal ihre eigene Wohnung zurückbekommen. Nach wie vor hausen dort ehemalige Nationalsozialisten. Noch heute fallen in den Aemtern die Worte: „Was ist schon Opfer des Faschismus? Wir haben auch gelitten!“

Carl Busch, Berlin-Spandau,

5. Januar 1947

NS-VERURTEILTE IN SPANDAU

Ist es nicht endlich an der Zeit, den Kriegsverurteilten ihre Freiheit wiederzugeben und ihre Schuld durch die Haft als gesühnt anzusehen? Die meisten der sieben in Spandau Inhaftierten sind alt geworden. Sie werden gewiß ihre Freiheit nicht mißbrauchen und auch keine Gefahr sein. Eine umfassende Hafterleichterung sollte das mindeste sein, was christliche Liebe gewährt.

W. von Hertzberg, Berlin-Spandau,

25. Dezember 1953

Sehr befremden muß die Art, in der Neurath nach seiner Haftentlassung begrüßt wurde. Hat man denn schon wieder vergessen, was das verbrecherische Regime des Nationalsozialismus, dem auch Herr von Neurath an führender Stelle angehört hat, für Leid und Elend über uns brachte? Als wir aus dem Krieg zurückkamen, läuteten uns keine Glocken zur Begrüßung.

Manfred Dziemba, Berlin-Zehlendorf, 17. November 1954

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