Politik : Kurze Pause für den Bürgerkrieg

In Indonesiens Katastrophengebiet Aceh lief die Hilfe nur schleppend an – Menschenrechtler machen der Regierung Vorwürfe

Ulrike Scheffer

Erst die Amerikaner brachten die Hilfe für Aceh in Gang. In der Provinz auf der indonesischen Insel Sumatra starben zwei Drittel aller Flutopfer. Ganze Städte sind hier von der Landkarte verschwunden – und mit ihnen die Menschen. Viele fanden wohl nicht gleich, sondern in den Tagen nach der Katastrophe den Tod, weil sie ohne Wasser, Essen und medizinische Hilfe zwischen den Trümmern ihrer Häuser verloren waren. Nun sind fast 50 US-Hubschrauber im Dauereinsatz, starten im Minutentakt, um Lebensmittel und Medikamente in die Dörfer zu fliegen, zu denen noch immer kein Helfer durchgedrungen ist. Auch die Bundeswehr und ausländische Helfer sind eingetroffen.

Menschenrechtler machen die Regierung Indonesiens für die Not der Überlebenden mitverantwortlich. „Aceh war Sperrgebiet, Ausländer durften hier nicht hinein. Deshalb gab es keine Strukturen, auf denen Hilfsorganisationen aufbauen konnten“, sagt Brad Adams von Human Rights Watch. In Aceh kämpfen bewaffnete Rebellen der „Bewegung Freies Aceh“ für die Unabhängigkeit der Provinz. Als Indonesien nach dem Sturz des Diktators Suharto 1998 demokratisch wurde, keimte kurzzeitig Hoffnung auf, der Konflikt könnte politisch gelöst werden. Doch die Kämpfe gingen weiter. Um die Rebellen zu isolieren, riegelte die Regierung Aceh ab. Staatliche Investitionen machten in den vergangenen Jahren an der Grenze der Provinz halt. Die Folge: Schon vor der Flut gab es wenig gut ausgebaute Straßen und Krankenhäuser, viele Dörfer waren sogar ohne Strom und Wasser. „Auch das erschwert nun die Versorgung der Opfer“, sagt Adams.

Indonesiens Präsident, der ehemalige General Susilo Bambang Yudhoyono, versuchte zunächst, die Lage selbst in den Griff zu bekommen. Er ließ das Militär Hilfsgüter an die Überlebenden verteilen und bot den Rebellen einen Waffenstillstand an. Im Fernsehen rief er die Bevölkerung zur Versöhnung auf. Als das ganze Ausmaß der Zerstörung deutlich wurde, konnte sich der General jedoch nicht länger gegen Hilfe aus dem Ausland sperren.

Am Wochenende kam es in Aceh vereinzelt wieder zu Scharmützeln zwischen Rebellen und Regierungstruppen. Beide Seiten werfen sich vor, die Rettungsmaßnahmen zu behindern. Die Militärs behaupten, die Unabhängigkeitskämpfer hätten Hilfskonvois unter Feuer genommen; von der anderen Seite heißt es, die Soldaten verlangten von der hungernden Bevölkerung Geld für gespendete Lebensmittel. Nach Frieden sieht es in Aceh trotz der Flut nicht aus.

BEVÖLKERUNG

Mit seinen 210 Millionen, überwiegend muslimischen Einwohnern ist Indonesien das größte islamische Land der Welt.

POLITISCHE LAGE

Seit dem Ende der Militärherrschaft 1998 ist Indonesien eine Demokratie. Neuerdings regiert jeodch wieder ein General. Susilo Bambang Yudhoyono bezwang bei der Präsidentschaftswahl im Juni 2004 Megawati Sukarnoputri. Tsp

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