Politik : „Kurzfristig keine neuen Arbeitsplätze“

Die Arbeitsmarktforscherin Allmendinger warnt vor zu großen Hoffnungen

Alexander Bürgin

Berlin - Die Leiterin des an die Bundesagentur für Arbeit angegliederten Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Jutta Allmendinger, erwartet von dem Jobgipfel keine schnelle Belebung auf dem Arbeitsmarkt. „Eine Senkung der Unternehmensteuer bringt nur dann zusätzliche Investitionen mit sich, wenn auch die entsprechende Nachfrage nach den Produkten zu erwarten ist“, sagte sie dem Tagesspiegel.

Regierung und Opposition haben eine Senkung der Körperschaftsteuern von 25 auf 19 Prozent ins Gespräch gebracht – dem Niveau von Slowenien. Doch auch dann blieben immer noch die hohen Lohnkosten als Standortnachteil gegenüber den östlichen Nachbarn. Allmendinger rechnet nicht damit, dass „wir den Wettbewerb um die niedrigsten Löhne gewinnen können“. Deutschland müsse daher vor allem auf Bildung und die Schaffung von hoch qualifizierten Jobs setzen. Nicht länger dürfe sich schon in der Kindheit das Schicksal auf dem Arbeitsmarkt entscheiden. „Ein Viertel der Bevölkerung hat keinen Hauptschulabschluss, beziehungsweise keine Berufsausbildung, und daher kaum Chancen, aus dem Niedriglohnsektor rauszukommen“, so die Soziologin Allmendinger. Die Folge: eine weit überdurchschnittliche Arbeitslosigkeit. Zum Teil ließen sich diese Personen durch einen größeren Dienstleistungssektor auffangen. „Arbeit wäre da.“

Die von Bundespräsident Horst Köhler aufgegriffene Idee, die Lohnkosten durch eine Befreiung niedriger Einkommen von den Sozialversicherungsabgaben zu senken, hält Allmendinger für zweischneidig. „Die Einführung von Mini- und Midijobs bis 800 Euro hat zwar zu mehr Beschäftigung geführt.“ Die Gefahr sei aber, dass diese Beschäftigungsverhältnisse zu Lasten regulärer sozialversicherungspflichtiger Arbeitsverhältnisse gingen. Sie warnt zudem davor, dass „aus diesen Jobs nur geringe Rentenansprüche entstehen, die dann im Alter zu einem Leben an der Armutsgrenze führen können“.

Angesichts der Klagen, dass Jobs zum Vermitteln fehlten, gibt sie zu bedenken: „Die Ströme in und aus der Arbeitslosigkeit sind beträchtlich. So haben im Jahr 2004 immerhin 3,1 Millionen Arbeitslose eine Beschäftigung gefunden.“ Insbesondere durch die Kombination von Fördern und Fordern könnten viele Stellen schneller besetzt werden. Sie räumt aber ein, dass der Umbau der Agenturen noch im Gang ist: „Es gibt noch nicht überall genügend Fallmanager für die individuelle Betreuung.“

Die Forderung nach längeren Arbeitszeiten bei gleichem Lohn weist sie als beschäftigungspolitisch bedenklich zurück. Zwar sei eine Flexibilisierung der Arbeitszeit richtig, damit Unternehmen je nach Auftragslage länger oder kürzer arbeiten könnten. Eine generelle Arbeitszeitverlängerung ohne eine höhere Nachfrage nach Produkten führe aber zu Jobabbau. Zudem würden längere Arbeitszeiten Frauen aus dem Arbeitsmarkt drängen, „weil die Vereinbarkeit von Familie und Beruf dann noch schwieriger würde“. Das Potenzial gut ausgebildeter Frauen ginge verloren.

Eine moderne und flexible Arbeitszeitgestaltung betrachtet sie dagegen als einen Weg, das vorhandene Beschäftigungsvolumen auf mehr Menschen zu verteilen: „Die Möglichkeiten von Teilzeitarbeit und Job-Sharing sind noch nicht ausgereizt.“ Einschränkend fügt sie jedoch hinzu: „Während höhere Einkommensschichten Freizeit gegen Einkommen tauschen könnten, kann sich ein Geringverdiener die Lohneinbußen nicht leisten.“

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