Politik : Kurzmeldungen

WEIHNACHT UND KONSUM Nach dem Winter des Missvergnügens

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Von Hellmuth Karasek

Unter den unzähligen Witzen über gute und schlechte Nachrichten gibt es einen, der besonders gut zur gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage passt. Ein Patient erwacht aus der Narkose und der Arzt am Bett eröffnet ihm: Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für Sie! Die schlechte: Wir haben aus Versehen ihr gesundes Bein amputiert. Die gute: Das kranke Bein erholt sich schneller als erwartet.

Geschmacklos? Sicher. Aber zutreffend. Der deutschen Wirtschaft wurde durch eine weltweite Krise, durch die drohende Kriegsgefahr, vor allem aber durch die falschen Versprechungen, die Schwindeleien vor der Wahl über den wahren Zustand und die halbherzigen Flickschustereien und Kakophonien der rotgrünen Regierung nach der Wahl ein gesundes Bein quasi amputiert. Weltschmerz, eine deutsche Tugend, und Angst, eine deutsche Untugend, machten sich breit und taten das Ihre: Wir segelten in eine wirtschaftliche und seelische Depression.

Und wo soll die gute Nachricht stecken? Ganz einfach: im Weihnachtsgeschäft. Nachdem vorher eine verschreckte Kundschaft und düpierte Nachwahl-Gesellschaft de facto in eine Art Kaufstreik getreten war und gleichsam mit zugenähten Taschen einkaufen ging – nichts lief mehr –, hat die Aussicht auf das Fest der Liebe und der Hoffnung, was Weihnachten nicht nur dem Namen nach immer noch sein will und soll, nicht nur die Gemüter erhellt, sondern auch die Geldbeutel geöffnet. Wir kaufen wieder mehr ein.

Zuerst war es der Kanzler, der im adventlichen Hannover voller Freude und Überraschung eine Schlange vor einem Konsumgüter-Tempel entdeckte. Und das versetzte den in innerliche Trübnis verfallenen Regierungschef in derart bessere Laune, dass er zu handeln begann.

Zunächst ein bisschen.

Und das Volk? Das Wahlvolk? Das Konsumvolk? Es fing wieder an zu kaufen und zu konsumieren. Und da kam, ob des Gedränges in den KaDeWe-Etagen und wegen des Andrangs in den Media-Märkten wie Saturn und Co eitel Freude auf: Wir Deutschen können kaufen, also leben wir noch.

Zwar war das Geschäft nicht gerade zum Bein- und Bäume ausreißen. Und bisher konnte – und das wird wahrscheinlich bis zum Fest der Feste so bleiben – der Monat Dezember auch nicht alle Verkaufsverluste wettmachen, die sich im Jahr und im Herbste unseres Missvergnügens angehäuft hatten. Aber so wie es aussieht, können wir mit einem gesunden Bein ins neue Jahr hüpfen.

Genug Grund zur Freude ist das dennoch nicht. Denn im Januar, droht da nicht der Verdi-Streik und steht nicht der Irak-Krieg (und damit der weiter steigende Öl-Preis) vor der Tür?

Aber dass sich die Seelenlage der Nation vor Weihnachten erholt und berappelt hat, das ist doch schon mal ein gutes Zeichen. Und wir wollen uns auch alle keine zu tiefen und damit zum Trübsinn führenden Gedanken machen, dass es uns in unserer Gesellschaft nur dann gut geht und gut gehen kann, wenn wir mehr als wir haben, auf den Kopf klopfen.

Wir bleiben nur in unseren Verhältnissen, wenn wir über unsere Verhältnisse leben. Das ist doch so? Oder?

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