Politik : Kurzmeldungen

Costas Shammas

Wir sind mitten in Europa. Zypern mittendrin? Bürger aus den alten EU-Staaten mögen da die Stirn runzeln. Für sie liegt Zypern jenseits ihres Horizonts, tief im Orient. Doch genau das ist der Punkt: Als Mitbegründer der zypriotischen Friedensbewegung habe ich einen anderen Blickwinkel. In Zypern treffen sich Europa und der Orient, der Norden und der Süden; wir können ein Modell für das Zusammenleben der Kulturen werden. Mein persönlicher Traum ist es, unsere Insel zu einem Ort der Begegnung für Christen und Muslime aus aller Welt zu machen. Schließlich haben wir traditionell gute Beziehungen zur arabischen Welt.

Doch Träume halten der Realität nicht immer stand. Die jüngsten Ereignisse auf Zypern zeigen, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben. Am vergangenen Wochenende stimmten meine Landsleute im griechischen Teil der Insel mit großer Mehrheit gegen den UN-Plan für eine Wiedervereinigung mit Nordzypern, das 1974 von der Türkei besetzt wurde. Seither leben griechische und türkische Zyprer durch eine „grüne Linie“ voneinander getrennt – überwacht von Soldaten der UN.

Ich bin zutiefst deprimiert, dass der Friedensprozess durch das Referendum einen Rückschlag erlitten hat. Unsere Führer, die sich gegen den UN-Plan ausgesprochen haben, denken nur an ihre eigenen Interessen. Ihnen fehlt die politische Vision. Zypern ist der schönste Platz der Welt, aber er wird von Leuten regiert, die sehr unreif sind.

Nun müssen wir weiter Überzeugungsarbeit leisten, vor allem in den Schulen und den Gemeinden. Die Lage ist keineswegs hoffnungslos. Ich glaube sogar, dass wir die Vereinigung hinbekommen hätten, wenn wir nur zwei bis drei Monate mehr Zeit gehabt hätten.

Allein die Aussicht auf eine EU-Mitgliedschaft hat viel bewirkt – und das Engagement couragierter Bürger, die seit Jahrzehnten in der Friedensbewegung aktiv sind. Wir haben nicht nur gemeinsame Sängerfeste und andere kulturelle Veranstaltungen organisiert, sondern auch Freiwillige zu Konfliktmanagern ausgebildet. Sie sind jetzt Pioniere bei der Annäherung. Dass heute viele Türken aus dem Norden ganz selbstverständlich in den Süden zur Arbeit fahren, ist nur ein Beleg dafür, dass sich die Beziehungen zwischen den beiden Volksgruppen allmählich normalisieren.

Es passieren sogar noch ganz andere, eigentlich unvorstellbare Dinge. Vor einem Jahr wurden die Reisebeschränkungen zwischen den beiden Inselteilen gelockert. Seither hat sich ein regelrechter Ausflugsverkehr entwickelt. Tausende Griechen haben inzwischen ihre ehemaligen Häuser im Norden besucht, aus denen sie 1974 vor den Türken geflohen waren. Und dabei haben sich nicht wenige mit den heutigen Bewohnern ihrer Häuser angefreundet.

Ich bin zuversichtlich, dass die Bürger sich auch nach dem Referendum weiter aufeinander zu bewegen werden. Auch wenn wir unterschiedlichen Religionen angehören, ist unsere Kultur doch dieselbe.

Und auch, wenn der Konflikt zwischen den Volksgruppen derzeit wieder im Vordergrund des öffentlichen Interesses steht, sollten wir nicht vergessen, an welch einem wunderbaren Ort wir leben. Wir bringen weit mehr mit in die Europäische Union als Zwist und Probleme. Deshalb kommen schon jetzt viele Touristen zu uns. Wir haben die Sonne, das Meer, aber auch Berge und Schnee. Überall finden sich Spuren unserer jahrtausendealten Geschichte. Im Mittelalter spielte Zypern aufgrund seiner Lage eine wichtige Rolle im Handel zwischen Indien und Europa. Wir waren eben schon immer mittendrin.

Aufgezeichnet von Ulrike Scheffer. Costas Shammas gehört zu den Gründern der Friedensbewegung im griechischen Teil Zyperns.

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