Politik : Kurzmeldungen

Drago Jancar

Die Slowenen wälzen mit einer fröhlichen Besessenheit das Problem ihrer Kleinheit. Darin haben sie sogar Jesus Christus selbst verwoben. In einer Legende, die Ivan Cankar aufgezeichnet hat, geht der Heiland über eine Landstraße und sieht einen Mann, der weint und sich nicht trösten lässt. „Was fehlt dir?“, fragt er, „Warum weinst du? Ich bin dein Heiland, ich kann dir helfen.“ Der Mann hebt seinen Blick: „Ich bin Slowene.“ „Wenn dem so ist“, sagt darauf der Heiland, „kann selbst ich dir nicht helfen.“ Dann setzt er sich zu ihm und vergießt mit ihm bittere Tränen über sein Los.

Alle jene, denen Cankars Sarkasmus zuwider ist, halten dieser gerne eine andere Legende desselben Autors entgegen: Als Gott die Welt erschuf, verteilte er die irdischen Schönheiten mit Vorbedacht, ein wenig hier, ein wenig da. Am Ende blieb ihm eine Hand voll reiner Schönheit übrig, und er streute sie über der Weltgegend aus, die heute Slowenien heißt. In der Besessenheit von ihrer Kleinheit schwanken die Slowenen zwischen zwei Extremen: Bald pfeifen sie aus dem letzten Loch, bald sind sie der Nabel der Welt.

Das heutige Slowenien ist in inneren politischen Kämpfen befangen. In den Horizonten der EU liegt für viele die Hoffnung, dass das Land endlich eine normale und nicht noch eine „Übergangs“-Zeit erleben wird. Es gibt auch nicht wenige, die mit dem EU-Slowenien von morgen vor allem Ängste verbinden – vor ausländischem Kapital und Ausländern, die jene Schönheit aus Cankars Legende besiedeln werden. Doch auch das haben wir gewollt: ein Slowenien in einem Europa ohne Grenzen. Ich weiß nicht, wie die Zukunft der slowenischen Wirtschaft und des slowenischen Staates in der Europäischen Union aussehen wird. Doch ich kann einen Gedanken über die Kultur und die Sprache beisteuern, um die sich die Slowenen, wie andere kleine europäische Völker, die meisten Sorgen machen. Nämlich: Wenn die slowenische Kultur und die slowenische Sprache in diesem offenen Raum nicht überleben können, verdienen sie es auch nicht.

Aus dem Slowenischen von Fabjan Hafner. Zuletzt erschien von dem Schriftsteller Drago Jancar im Wiener Folio Verlag „Brioni. Und andere Essays“.

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