Politik : Kurzmeldungen

Jiri Kratochvil

Auch wenn wir Tschechen uns dagegen wehren: Wir sind seit Urzeiten eine wahre europäische Kreuzung der Nationen. Gestatten Sie mir, diese Kreuzung der Nationen und Ereignisse an meiner eigenen Herkunft zu demonstrieren. Mein Großvater väterlicherseits (Kratochvil) war ein Tscheche aus Mähren, seine Frau, meine Großmutter (Simonidesova), stammte aus einer alten polnischen Familie, mein Großvater mütterlicherseits (Zyla) war Ukrainer und meine Großmutter (Hüblova) Deutsche.

Aus so einer Völkermischung stammt bei uns jeder Zweite, und deshalb ist jede tschechische Fremdenfeindlichkeit so lächerlich. Außerdem haben wir Mitteleuropäer in diesem geografischen Raum alle ein ähnliches Schicksal geteilt. Ich erinnere mich, wie unsere Wohnung im Krieg von der Gestapo durchkämmt wurde, weil mein Vater den Partisanen nahe stand, und wie sie dann in den fünfziger Jahren wiederum von der Staatssicherheit durchkämmt wurde, weil mein Vater nach dem kommunistischen Putsch emigriert war. Mein Bruder Jan war während der sowjetischen Okkupation ein heimlich geweihter Priester der Untergrundkirche, und ich gehörte zu den verbotenen Autoren. Solche und ähnliche Geschichten gab es zu Tausenden im gesamten damaligen Osteuropa. Und so war ich lange Zeit überzeugt, dass es hier einfach keine Zeit und keinen Platz für irgendwelche Privilegien nationaler Eigenschaften gab. Dann aber, während der Arbeit an einem Hörspiel aus der Zeit der nationalen Wiedergeburt, wurde mir bewusst, dass es doch etwas Außergewöhnliches gibt, das – zusammen mit der erneuerten Sprache und der auferweckten nationalen Kultur – das neue Fundament der tschechischen Nation bildete. Ich denke dabei an die tschechische Nationalhymne. An ihre Herkunft. Kaum jemand weiß noch, dass unsere Hymne das Lied eines blinden Musikers ist, nämlich in einer der ersten tschechischen Opern, der Fidlovacka, von Tyl und Skroup. Wenn im Lied die Stelle kommt „ein irdisches Paradies ist dieser Anblick“, ist es aus dem Mund eines Blinden zweifellos Ironie, Selbstironie gar.

1998 wurde ich zu einem traditionellen Schriftstellertreffen im slowenischen Vilenica eingeladen. Als mich dann dort dieser junge russische Autor ansprach, war ich einer russischen Konversation nur mit Mühe fähig. Ich habe nach dem sowjetischen Einmarsch 1968 den Kontakt zur russischen Kultur und Sprache für mehr als 20 Jahre unterbrochen. Der russische Autor kam zu mir, um sich für das zu entschuldigen, wofür er überhaupt nichts konnte, weil er im August 1968 noch nicht mal krabbeln konnte. Er war so entgegenkommend, freundlich, nett. Und er hätte mir so gerne eine kleine Kompensation angeboten für all das, was ich unter den Stiefeln der sowjetischen Okkupanten erleiden musste. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, quälte mich meine „Litost“, da ich es nicht geschafft hatte und nie schaffen würde, ein Kompensationsgeschenk von ihm anzunehmen. Und diese „Litost“ nagt in mir noch heute.

Was ist „Litost“? Milan Kundera widmete in seinem Roman „Das Buch vom Lachen und Vergessen" der „Litost“ ein ganzes Kapitel und er sagt dort: „Litost ist ein tschechisches Wort, das sich nicht übersetzen lässt." Es lässt sich höchstens beschreiben: „Litost ist ein qualvoller Zustand, der durch den Anblick unserer unvermutet entdeckten Erbärmlichkeit ausgelöst wird.“

In die EU bringen wir also nicht nur unsere nationale Kultur, sondern auch unsere zwei Besonderheiten ein: tschechische Ironie und tschechische Litost.

Aus dem Tschechischen übersetzt von Milka Vagadayyova. Jiri Kratochvil erhielt 1999 den Jaroslav-Seifert-Preis, die höchste literarische Auszeichnung seines Landes. Sein Roman „Unsterbliche Geschichte“ erschien 2000 im Zürcher Ammann Verlag.

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