Länder der Balkanroute einigen sich : Flüchtlinge fahren im Zug direkt nach Deutschland

Die Länder der Balkanroute schicken die Flüchtlinge organisiert mit der Eisenbahn ins Zielland. Derweil scheint sich das mazedonische Grenzregime zu bewähren.

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Mazedonien greift durch. Flüchtlinge, die nicht belegen können, dass sie aus Syrien stammen, werden an die Grenze nach Griechenland zurückgebracht.
Mazedonien greift durch. Flüchtlinge, die nicht belegen können, dass sie aus Syrien stammen, werden an die Grenze nach...Foto: Georgi Licovski/dpa

Ein paar serbische Polizisten stehen gelangweilt vor dem Flüchtlingszentrum in der südserbischen Grenzstadt Preševo, wo zu dieser Zeit zu Mittag normalerweise bereits hunderte Flüchtlinge aus Mazedonien angekommen sind. „Vielleicht kommen sie am Abend“, sagt eine Helferin. Auf der Balkanroute befinden sich derzeit nur einige hundert Flüchtlinge.

In den vergangenen Tagen waren die Lager in Mazedonien, Serbien und Kroatien meistens leer. Slowenien bereitet sich trotzdem darauf vor, dass die Durchreise eingeschränkt wird. Denn am Mittwoch erreichten 4611 Flüchtlinge die griechischen Inseln. Im Februar kamen durchschnittlich pro Tag nur 1337 Flüchtlinge in Griechenland an – also weit weniger, als Österreich pro Tag nach Deutschland lassen will. Eine humanitäre Krise droht dann, wenn in den kommenden Wochen Flüchtlinge in Griechenland „stecken bleiben“.

Die Sicherheitskräfte in den Staaten auf der sogenannten Balkanroute sind ganz aufeinander abgestimmt. Jeder Schritt wird koordiniert. Alles was in Österreich beschlossen wird, wird in den anderen Staaten auf der Balkanroute im Süden umgesetzt.

Mazedonien greift durch. Flüchtlinge, die nicht belegen können, dass sie aus Syrien stammen, werden an die Grenze nach Griechenland zurückgebracht.
Mazedonien greift durch. Flüchtlinge, die nicht belegen können, dass sie aus Syrien stammen, werden an die Grenze nach...Fotos: Georgi Licovski/dpa

Die Länder wollen die Flüchtlinge nach einer Erstkontrolle in Mazedonien künftig gemeinsam in Richtung Deutschland transportieren. Das verabredeten die Polizeidirektoren Mazedoniens, Serbiens, Kroatiens, Sloweniens und Österreichs am Donnerstag in Zagreb. Ab sofort werden Flüchtlinge nur noch an der mazedonisch-griechischen Grenze erkennungsdienstlich behandelt, beschrieb der kroatische Polizeichef Vlado Dominic das neue Grenzregime.

Von der mazedonischen Grenzstadt Gevgelija gehe ihre Reise dann organisiert mit der Eisenbahn ins südserbische Preševo. Die nächsten Stationen seien Sid in Nordserbien, Dobova in Slowenien und schließlich Spielfeld in Österreich. Von dort würden sie schließlich nach Deutschland gebracht. Die jeweiligen nationalen Eisenbahngesellschaften übernähmen den Transport, hieß es weiter.

Es ist eine Doppelstrategie, die die Staaten vereinbart haben. Während im Süden gedrosselt wird, werden vom Norden Flüchtlinge zurückgeschoben, wenn sie nicht Deutschland oder Österreich als Zielland angeben. Niemand bekommt mehr eine zweite Chance. Slowenien schiebt bisher am meisten zurück. In den kommenden Tagen geht es darum, dass der „Run“ in den Norden verhindert werden soll, also der panikartige Versuch, schnell noch nach Österreich zu kommen.

Die Sicherheitsmaßnahmen wurden überall massiv verstärkt. Doch an der griechisch-mazedonischen Grenze sind am Mittwoch kaum Flüchtlinge zu sehen. Der Grund: Seit 11. Februar kommen täglich nur mehr ein paar hundert aus der Türkei auf die griechischen Inseln. Offenbar halten türkische Sicherheitskräfte die Flüchtlinge auf. Ahmed R. aus Dara, einer Stadt im Süden Syriens erzählt, dass er viermal versucht hat, in eines der Schmugglerboote in einem türkischen Küstenort zu steigen. Jedes Mal hätten ihn Polizisten erwischt und abgehalten. Die Polizei sei überall.

Die Überfahrt auf die griechischen Insel koste zurzeit 1000 Euro. Hunderte Flüchtlinge würden an der türkischen Grenze auf ihre Chance warten, viele versteckten sich im Wald.

Hoffnung auf EU-Lösung

Bereits in den vergangenen Wochen wurde vor der Schließung der Balkanroute ein „Run“ befürchtet. Die slowenische Regierung will der Armee ein erweitertes Mandat zum Grenzschutz geben und hat eine Verordnung für eine Liste von sicheren Herkunftsstaaten erlassen. Dazu zählen nun Albanien, Algerien, Bangladesch, Bosnien-Herzegowina, Ägypten, Montenegro, Marokko, Mazedonien, Kosovo, Serbien, Tunesien und die Türkei.

Migranten aus jenen Ländern haben keine Chance auf Asyl in Slowenien. Es geht darum, ihre Einreise zu verhindern. Ähnlich wie Österreich sind Slowenien und Kroatien sowie Mazedonien an einer Drosselung der Flüchtlingsströme interessiert. Ljubljana will zudem die Rechte von Asylbewerbern einschränken und – ähnlich wie bereits Ungarn – die Möglichkeit schaffen, die Migranten bereits an der Grenze abzuweisen. Seit Tagen wird in Slowenien ängstlich davor gewarnt, dass der kleine mitteleuropäische Staat zur „Sackgasse“ werden könnte, wenn Österreich Flüchtlinge in den Süden zurückschickt. Realistisch ist das Szenario eher nicht, weil bereits Mazedonien die Flüchtlinge gar nicht in den Norden lassen würde.

Auch die kolportierte Aussage aus EU-Kreisen, wonach Slowenien ein Opfer der Entscheidung Österreichs sei, trifft nicht die Stimmungslage in Ljubljana. Premier Miro Cerar ist zwar „nicht glücklich“, hat aber Verständnis für die „Zwangslage Österreichs“. Slowenien hat selbst Sorge vor Überforderung und will die Balkanroute schließen. So wie Österreich wäre es aber nicht betroffen, wenn bereits in Mazedonien dichtgemacht wird. Der kleine Balkan-Staat bereitet sich seit Wochen darauf vor. Auch Albanien will verhindern, dass die Flüchtlinge ausweichen. Serbien ist vorsichtiger, weil es sich’s nicht mit Deutschland verscherzen will. In Belgrad betont man, dass es eine EU-Lösung brauche.