Politik : Lafontaine setzt sich an die Spitze – in NRW

Der frühere SPD-Vorsitzende führt die Liste der Linkspartei im größten Bundesland an

Matthias Meisner[Essen]

Oskar Lafontaine ist eben angekommen im Saal Deutschland des Essener Congress-Centrums, da regt sich Protest. „Links ist, wo keiner fremd ist“, steht auf dem Transparent, das Mitglieder des PDS-Jugendverbandes Solid auf der Bühne entfalten. Lafontaine, zu diesem Zeitpunkt nur der designierte Spitzenkandidat der Linkspartei, schaut verschämt zur Seite. Sein Programm für diesen Landesparteitag der PDS Nordrhein-Westfalen ist ein anderes: Freundlich lässt er sich von der stellvertretenden PDS-Vorsitzenden Katja Kipping zur Begrüßung auf die Schulter klopfen, zufrieden nimmt er in der ersten Reihe Platz zwischen den Spitzenpolitikern von PDS und WASG. Und dann gibt er Autogramme, gern auch auf Flugzetteln, auf denen „Kapitalismus kaputtmachen“ gefordert wird.

Es ist der Tag, an dem der frühere SPD-Vorsitzende endgültig ankommt bei der PDS, selbst wenn die sich an diesem Tag offiziell umbenennt in Linkspartei und verspricht, im Wahlkampf im Westen auf das Kürzel PDS zu verzichten. Doch nicht nur, weil die Essener Kreisvorsitzende Cornelia Seltmann als Eröffnungsrednerin mit sächsischem Dialekt spricht, wird rasch klar: Hier tagt noch die PDS. Lafontaine war nach der NRW- Wahl Mitglied der WASG geworden. Sie hat erst am Freitag ihre eigene Wahlanzeige beim Bundeswahlleiter zurückgezogen. Nur in „homöopathischen Dosen“ will die PDS auf ihren offenen Listen Kandidaten der WASG akzeptieren, das Wahlrecht lasse nichts anderes zu. Lafontaine soll einer der Glücklichen sein.

Und glücklich wirkt er, weil sich nun wieder alles um ihn dreht. „Es geht ein Gespenst um in Deutschland. Es ist das Gespenst der Linkspartei“, ruft er in den Saal Deutschland. Die Genossen juchzen und klatschen. Mehr als eine halbe Stunde lang spricht Lafontaine, er sieht sich in einmaliger Weise diffamiert: Rattenfänger, Populisten, Hassprediger. Und sagt als Ergebnis dieser „Kampagne“ voraus: „Je mehr sie hetzen, je mehr sie geifern, um so sicherer wird unsere Anhängerschaft.“ Zumindest an diesem Samstag in Essen klappt das ziemlich perfekt: Ob er nun polemisiert gegen die Grünen, die er „eher die Verwelkten nennen“ würde. Oder gegen die CDU, die nicht die Politik, sondern „allenfalls die Frisur“ ändern werde. Überall hört der Kandidat nur „neoliberales Geschwätz“.

„Ich rede nicht jedem nach dem Mund.“ Es ist nicht so, dass alles, was Lafontaine sagt, auch alle hören wollen. Die Befragung des Kandidaten zeigt das: Ob er die vom Frankfurter Vize-Polizeichef Wolfgang Daschner angedrohte Folter im Entführungsfall Jakob von Metzler nach wie vor verteidige? Und warum er um rechtsradikale Wähler kämpfe? Punkt für Punkt nimmt Lafontaine Stellung. Und dreht die Dinge dann meist so, dass die meisten doch wieder einverstanden sind. Der Fall Daschner, ein „Extremfall“, eine „Grenzfrage“, die er nach seinem Gewissen entschieden habe. Und die Wähler von NPD und DVU? In denen sieht er „Verzweifelte“. Und es ist ihm „viel lieber“, sie wählen die Linkspartei, als wenn sie „aus Wut und Zorn zu den Rechten laufen“.

Auch das umstrittene Wort „Fremdarbeiter“ will Lafontaine nicht bedauern. Er bedauere nur, dass nach einer „ungemein heuchlerischen Kampagne“ der Eindruck entstand, er habe sich gegen „die Ausgebeuteten“ geäußert. Nachdem Lafontaine gesprochen hat, rollt die sozialistische Jugend ihr Protesttransparent rasch ein. In der Wahl um Platz eins setzt er sich mit 193 von 241 Stimmen klar durch, ein weithin unbekannter PDS- Funktionär aus Kleve fällt mit 26 Stimmen durch; ein Spaßvogel stimmt für Karl Marx.

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