Politik : Land der enttäuschten Hoffnungen

Ulrike Scheffer

Nach dem Ende der Militärdiktatur sollte alles besser werden in Nigeria. Anfang 1999 wählten die mehr als 100 Millionen Nigerianer eine zivile Regierung mit Olusegun Obasanjo an der Spitze. Der neue Präsident, ein auch im Ausland angesehener Politiker, versprach, das Land zu demokratisieren, die Einkünfte aus der Ölförderung gerecht zu verteilen und die katastrophale Misswirtschaft zu beenden. Doch dreieinhalb Jahre später droht das bevölkerungsreichste Land des afrikanischen Kontinents im Chaos zu versinken.

Obasanjo ist es nicht gelungen, durchgreifende Reformen umzusetzen und den Einfluss der alten, korrupten Elite zu brechen. Die Demokratisierung hat vielmehr dazu geführt, dass sich die insgesamt 36 Bundesstaaten mehr und mehr der Zentralgewalt entziehen – besonders im moslemisch geprägten Norden. Einige von ihnen haben sogar gegen den Widerstand der Bundesregierung das islamische Recht, die Scharia, eingeführt. In den vergangenen Jahren brachen bereits mehrfach blutige Konflikte zwischen Moslems und Christen aus. Tausende Menschen verloren dabei ihr Leben, zehntausende wurden vertrieben.

Besonders groß ist die Unzufriedenheit der Bevölkerung im Niger-Delta, wo sich die Ölreserven des Landes befinden. Das Gebiet ist durch die Ölförderung ökologisch stark geschädigt. Die Regierung hatte zugesagt, künftig mehr Geld aus dem Ölgeschäft im Niger-Delta zu reinvestieren. Bisher ist jedoch nicht viel geschehen. Auch wichtige Investitionen in anderen Landesteilen lassen auf sich warten: Das Eisenbahnnetz ist völlig zusammengebrochen. Die meisten Nigerianer leben weiter in bitterer Armut, gleichzeitig steht der rohstoffreiche Staat an der Küste Westafrikas noch immer ganz oben auf dem Korruptionsindex von Transparency International.

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