Politik : Land der Verwandten

Ein Musical, Porträts an jeder Ecke – überall in Kenia hoffen die Menschen auf Barack Obama

Ingrid Müller[Nairobi]

Tausende Kilometer sind es bis Amerika, ein Ozean und ein ganzer Kontinent liegen zwischen Nairobi und Washington. Und doch ist der US-Wahlkampf in Kenia so präsent, dass man glauben könnte, hier würde am Dienstag der neue Präsident gewählt. Jeder hat eine Meinung zur Wahl – auch hier im Nationaltheater in Nairobi. Irgendwie steht doch einer von ihnen zur Wahl als erster schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten: Barack Obama. Schließlich stammt sein Vater aus dem Dorf Kogelo im Westen des ostafrikanischen Landes.

Seit Sonntag ist Barack nun auch Musicalstar. „Obama – das Musical“ heißt die Show im Nationaltheater, eine gute Stunde rasante Tänze, ruhige Monologe und schräge Gesänge. Die jungen Schauspieler schwitzen sich in einer Stimmung zwischen Waldbühnenkonzert und Schulaufführung begeistert durch die Geschichte von Obama senior und junior. Sie erzählen und tanzen von Mutter Afrika, der Wiege der Menschheit, Drogen, Rassenkonflikten, Sehnsüchten und Möglichkeiten. Die Aufführung endet mit Obamas Rede auf dem Nominierungsparteitag als Mahnung an die Kenianer, in deren Land nach den Wahlen bei Unruhen wegen Unregelmäßigkeiten 1500 Menschen starben und 300 000 vertrieben wurden. Musical-Obama predigt von der US-Verfassung, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Zum Schluss ruft Obama durch den letzten Vorhang „I have a dream“.

Diesen Traum haben in Kenia fast alle. In der Wahlnacht werden sie überall vor den Fernsehern hängen – wie auch Margaret Obama. Tante Maggie, wie sie sich selbst nennt, ist Priesterin der Anglikanischen Kirche. Natürlich wünscht sie sich, dass der Senator ins Weiße Haus gewählt wird. Je näher der Wahltag rückt, desto mulmiger wird es ihr aber. „Manchmal wird mir ganz kalt ums Herz, wenn ich daran denke“, sagt die kräftige Mittfünfzigerin, als sie nach einem anstrengenden Tag vor ihrem braunen Sofa die Beine ausstreckt. Sie mag sich nicht ausmalen, dass der Neffe verlieren könnte. Ihr Mann ist nach Washington gefahren, dort will Margaret zur Amtsübergabe im Januar auch sein. Zur Vereidigung als Senator war die ganze Familie eingeladen, erzählt sie, das ganze Gesicht ein Lächeln. Die Fotos mit Barack und seiner Frau Michelle hütet sie als kleinen Schatz ganz oben auf den Agfa-Tüten mit ihren wichtigen Bildern.

Wenn Fremde in der Nähe sind, sagt sie ihren Namen nicht so gerne laut. Im August gab es großen Ärger. Da, sagt sie und zieht eine Visitenkarte aus dem Portemonnaie, sei eine Frau von der italienischen „Vanity Fair“ mit dem Halbbruder von Barack Obama bei ihnen gewesen, George, Mitte 20. Sie habe gesagt, die Wahrheit müsse geschrieben werden. George, der letzte Sohn von Obamas Vaters mit einer anderen Mutter, wohnt ärmlich im Slum. Es sei ein Skandal, dass der US-Senator ihn vernachlässige. Die Geschichte ging um die Welt, war Thema im Wahlkampf. Margaret hat ihre eigene Geschichte. Auch ihre Familie habe George mal unterstützt. Und Barack habe bei einem Besuch den damals erst wenige Jahre alten Stiefbruder sogar mitnehmen wollen. Georges Mutter hat das aber abgelehnt.

Früher hatte die Familie kaum etwas mit Barack Obama zu tun. Dessen Vater Barack Hussein Obama wurde in Kogelo geboren, wo er einst Ziegen hütete. Aber die Großeltern, so erzählt Mama Sarah, wie sie die 86-jährige Stiefoma nennen, brachten den Jungen immer in die neun Kilometer entfernte Schule. Bildung war der Familie schon immer wichtig. Später ging Barack senior aufs Internat, konnte per Stipendium an der Uni Hawaii studieren, wo er die Mutter des heutigen Präsidentschaftskandidaten traf: die Weiße Ann Dunham. 1961 kam Barack jr. zur Welt, zwei Jahre später ließen sich die Eltern scheiden. Der Vater, ein Ökonom, ging mit der Unabhängigkeit zurück nach Kenia. 1982 starb er bei einem Autounfall. Einige Zeit später machte sich der Sohn auf die Suche nach seinen afrikanischen Wurzeln. Er kam nach Kogelo, ans Grab des Vaters und zu Grandma Sarah. Reden können die zwei allerdings nur miteinander, wenn jemand übersetzt. Oma spricht kein Englisch, Barack weder Luo noch Suaheli. Damals, so heißt es, habe der junge Mann ihr geholfen, Mais auf den Markt zu bringen, den sie dort verkauft. Er kam noch zweimal: um Grandma seine Braut Michelle vorzustellen und 2006 als Staatsgast. Die stolze Oma sagt über den Enkel: „Er ist klug, er ist ein geborener Führer, und er wird der Welt Frieden bringen.“ Sie hat heute als einzige im Ort Strom per Solarpanel, ein Zaun begrenzt ihr Anwesen. Vor wenigen Tagen machte ihr sogar Premier Raila Odinga seine Aufwartung. Andere können das im Moment nicht. Polizeichef Johnston Ipara hat den seit einigen Wochen bestehenden Polizeischutz ausgeweitet. Bis nach den Wahlen dürfe niemand außer der Familie Mama Sarah besuchen. Es gelte, Gefahr für die Familie Obama abzuwenden. Bewaffnete Männer wachen am Tor.

Die Zeitungen berichten jeden Tag auf mehreren Seiten über die Wahl. Die „Nation“ druckt alle Umfragen aus den USA. Auf den Straßen ist das Thema allgegenwärtig. Sammeltaxis zieren große ObamaPorträts, gern in Dollarnoten montiert. Bei Ranalo’s Food in Nairobis Kimathi Street werden T-Shirts, Caps und Schlüsselanhänger angepriesen. Die Kassiererin hinter der Glasscheibe am Eingang des Lokals schiebt für 650 Schilling (gut 6,50 Euro) ein dunkelblaues Shirt mit der Aufschrift „Obama 08“ durch ihr Sprechfenster. Am Ausgang nach dem Musical will der Verkäufer 1000 Schilling.

In Kisumu, der gut eine Autostunde von Kogelo entfernten Hauptstadt der Luo-Provinz, machen sich einige besonders große Hoffnungen. Der Miniflughafen müsse ausgebaut werden, schließlich könne jederzeit die Air Force One landen. Bauen sie dann einen Highway nach Kogelo? „Dann bauen wir eine Straße bis nach Washington“, grinst einer, dem das alles ein bisschen weit geht. Sollte Obama gewinnen, würden sicher bald Marines zu Omas Schutz anrücken. Erst einmal aber rechnet Kisumu mit einem Ansturm der Obama- Fans aus der ganzen Gegend. Die BBC will im Stadion Videoleinwände aufbauen. Public Viewing mitten in Afrika.

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