Landtagswahl in Hessen : Im Warteraum

Bloß nicht schon wieder Opposition. Tarek Al-Wazir, grüner Spitzenkandidat, will in Hessen endlich an die Macht. Vielleicht muss er dafür ein Experiment eingehen. Kaum etwas gilt als ausgeschlossen bei dieser Landtagswahl. Auch nicht Schwarz-Grün.

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Zum Greifen nah. Tarek Al-Wazir, Spitzenkandidat der Grünen, sitzt seit 18 Jahren im hessischen Landtag. Der 42-Jährige will jetzt Wirtschaftsminister werden.
Zum Greifen nah. Tarek Al-Wazir, Spitzenkandidat der Grünen, sitzt seit 18 Jahren im hessischen Landtag. Der 42-Jährige will jetzt...Foto: David Ebener/dpa

Politik kann wehtun. Sie gehe unter die Haut, sagt man, und dass man ein dickes Fell brauche. All diese Sätze kennt Tarek Al-Wazir natürlich, dafür ist er schon lange genug Berufspolitiker. Vielleicht kennt er sie besser als jeder andere. An einem sonnigen Mittwochnachmittag macht er in Offenbach Wahlkampfstation. Hier ist er groß geworden. Es ist sein Revier. In der Nähe hat er mal einen Boxklub gegründet, eine Schmerzschule für die Jugend gewissermaßen, der Klub existiert bis heute. Innenstadt-Ost. Mühlenviertel sagen die Menschen zu der Gegend, das hört sich netter an, am Ende aber bleibt es: ein sozialer Brennpunkt mit hoher Hartz-IV-Quote, abgewetzten Bordsteinen, ein bisschen Graffiti an den Häuserwänden. Jetzt steht der Mann mit der kleinen runden Brille und dem feinen Gesicht vor dem Kinder-, Jugend- und Kulturzentrum in der Sandgasse einem Fernsehteam Rede und Antwort. Da passiert es: Eine Wespe sticht zu, vor laufender Kamera.

Al-Wazir verzieht keine Miene. Stattdessen sagt er: „Da sieht man, wie gefährlich Schwarz-Gelb ist.“

Schlagfertig ist der Grünen-Spitzenkandidat für die Landtagswahl. Das bekommt gleich darauf auch Jürgen Trittin, sein Pendant für die Bundestagswahl, zu spüren. Im Tischfußball muss er gegen Al-Wazir antreten und hat keine Chance. Al-Wazir gewinnt, mit lädierter Hand.

Diese Landtagswahl ist einfach zu wichtig, um sich von einem Wespenstich beeindrucken zu lassen. Und Al-Wazir ist zu wichtig für diese Landtagswahl.

Er kämpft für Rot-Grün. Zum vierten Mal tut er das. Kaum ein Grünen-Politiker hat unter diesem Kampf so sehr gelitten wie er. Seit 18 Jahren sitzt der 42-Jährige in der hessischen Opposition. Dreimal war er schon Spitzenkandidat seiner Partei. Jedes Mal hat er ein besseres Ergebnis erzielt als zuvor. Für eine Regierungsbeteiligung hat es nie gereicht. Die SPD, so sagen es viele Grüne heute noch, hat die Chancen verspielt.

Diesmal droht ein ähnliches Schicksal. Wieder wird es knapp in Hessen. Dabei lag Rot-Grün mal vorn. Aber erst holte die CDU auf, dann schwächelten die Roten. Jetzt kommen die Grünen im Bund unter Druck – und damit vielleicht auch in Hessen. Wenn am 22. September parallel zur Bundestagswahl der neue Landtag gewählt wird, ist eine Pattsituation zwischen den Lagern nicht ausgeschlossen. Dann beginnt das Spiel, in dem Tarek Al-Wazir die wichtigste Figur ist. Dazu muss man wissen, dass sich Christ- und Sozialdemokraten in Hessen besonders giftig begegnen. Es bringt Al-Wazir in eine komfortable Lage. Er ist nicht an die SPD gebunden, nicht mehr.

Al-Wazir meldet Ansprüche an, Wirtschafts- und Verkehrsminister will er werden für den Fall eines Wahlsieges, er hat Ehrgeiz und keine Lust, noch mal in die Opposition zu gehen. Das hat er schon früh im Wahlkampf klargestellt. Er will seinem Namen endlich alle Ehre machen, heißt „Al-Wazir“ übersetzt doch „der Minister“. Seine eigenen Leute fürchten allerdings, es könnte etwas zu großkotzig rüberkommen, schon vor der Wahl Posten zu beanspruchen. Und die politische Konkurrenz sowohl von SPD als auch CDU empfindet es als Anmaßung, dass ausgerechnet von einem Grünen ein so wichtiges Ressort für sich reklamiert wird.

Aber Al-Wazir ist das egal. Er will seine Fähigkeiten unter Beweis stellen und die seiner Partei. Die Sozialdemokraten fürchten, dass er dafür sogar ein Bündnis mit der CDU eingehen würde. „Wenn es nicht reicht, dann wird es Schwarz-Grün“, sagen die Genossen hinter vorgehaltener Hand.

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