Landtagswahl in NRW : Wie die Rheinländer und die Westfalen ticken

Heute wählen die Menschen im Bindestrichland Nordrhein-Westfalen einen neuen Landtag. Aber wer lebt eigentlich dort zwischen Rhein und Weser in diesem Kunstgebilde der Nachkriegszeit? Zwei ganz und gar subjektive Einblicke.

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Geht doch: Dietmar Bär (links) ist Dortmunder, Klaus J. Behrendt stammt aus Hamm. Zusammen bilden die beiden Westfalen das Kölner "Tatort"-Duo.
Geht doch: Dietmar Bär (links) ist Dortmunder, Klaus J. Behrendt stammt aus Hamm. Zusammen bilden die beiden Westfalen das Kölner...Foto: Oliver Berg/dpa

Worüber reden wir hier eigentlich? Damit fängt es schon mal an: Das Rheinland ist ein so großes, großartiges, umfassendes Wort, dass es allein schon den Text hier füllen würde, alles dazu aufzuschreiben. Deshalb in aller Kürze: Vom Rheinland kann erst ab 1797 mit der staatlichen Integration des linken Rheinufers ins revolutionäre Frankreich die Rede sein. Jawohl, revolutionär!

So viele Provinzen waren dabei, nicht nur diverse Herzogtümer und Kurfürstentümer wie Mainz und Trier. Daneben gab es in diesem gesamten Bereich diverse Grafschaften, kleinere Enklaven, Herrschaften, Abteien und die beiden großen und alten Reichsstädte Aachen und Köln. Berger, Geldener, Jülicher, Klever, Kölner, Kurkölner … Aber ich merke schon, ich schweife ab. Was typisch für den Rheinländer sein soll, wie ich gehört habe: Die Geschichten werden immer länger, vor allem als gedacht. Sie verstehen?

Wichtig ist, dass das Rheinland alt und ehrwürdig ist, dass den Rheinländer die Römer geprägt haben, die Franzosen, die Preußen. Daher der Begriff des „rheinischen Preußen“, den zum Beispiel der verehrte Ministerpräsident des Bindestrich-Landes Nordrhein-Westfalen Johannes Rau für sich reklamierte. Übrigens auch wegen der Preußen gibt es die „Prinzengarde“ der Stadt Köln im Karneval, genannt die „Mählsäck“, denn die Uniformen sehen so aus. Ach ja, nicht zu vergessen, die Wittelsbacher waren auch im Rheinland unterwegs. Da könnte man Geschichten erzählen…

Vielleicht eine noch: Entgegen landläufiger Meinung wird das Rheinland nicht vom Antagonismus zwischen Kölnern und Düsseldorfern bestimmt. Nein, Düsseldorf, mit Verlaub, ist doch nicht wirklich… Sagen wir mal so, um den Düsseldorfern nicht zu nahe zu treten: Köln ist eine Millionenstadt, ist rheinische Metropole, ist nach Rom die wichtigste Erzdiözese der Welt, wird das „Rom des Nordens“ genannt. Köln war Hansestadt, war sogar schon die „Primadonna der Hanse“, als Hamburg noch davon träumte, einmal so bedeutend zu werden. Köln hat die Gebeine der Heiligen Drei Könige. Hat den Dom. Den Geißbock Hennes VIII. Köln spielt in der Ersten Liga. Düsseldorf ist nur Landeshauptstadt.

Wo Rhein drauf steht, ist irgendwie Rheinländer drin

Der Wiener Kongress von 1815 spielt bis heute hinein ins Rheinland. War das ein Klüngel! Gemütsmäßig lässt sich darauf eine Tradition begründen. Ja, getanzt wird auch. Zum anderen, weil die (staatliche) Ordnung – ein für Rheinländer relatives Wort –, und weil alles Trennende zwischen Links- und Rechtsrheinisch Ortsfremde verwirren muss.

Vielleicht aber fasst man es am besten so: Ob Rheinkreis, Rheinpfalz, Rheinhessen, egal – wo Rhein drauf steht, ist irgendwie ein Rheinländer drin. Zumal der Rhein „Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze“ ist, wie Ernst Moritz Arndt meinte. Das mal am Rande, weil sich der Rheinländer sich nicht gern an den Rand gedrängt fühlt, und sei es geografisch. Und von wegen! Rheinländer sind Menschen von Welt. Nur ein paar Beispiele: Konrad Adenauer. Karl der Große. Karl Marx (nicht mit dem anderen zu verwechseln). August Bebel. Ludwig van Beethoven. Heinrich Böll. Jupp Derwall. Heidi Klum. Wolfgang Bosbach – den kennt ja wohl jeder, oder?

Johannes Rau, ehemaliger Ministerpräsident des Bindestrich-Landes Nordrhein-Westfalen, prägte den Begriff des „rheinischen Preußen“.
Johannes Rau, ehemaliger Ministerpräsident des Bindestrich-Landes Nordrhein-Westfalen, prägte den Begriff des „rheinischen...Foto: dpa/dpaweb

Leben und leben lassen, dieses Motto belebt den Rheinländer. Wo auch immer er lebt. Im Grunde ist das sehr katholisch, weil der Katholik eher zur Barmherzigkeit neigt, vor allem bei sich, der Protestant hingegen aufgeklärt und streng ist. Der Mensch an sich, meint Martin Luther, ist ja kein guter. Um es vorsichtig zu sagen. Im weitesten Sinn – man könnte auch sagen: weitschweifigsten – gab es darum auch vor Urzeiten Widerstände gegen die Integration in die neue Herrschaft unter den protestantischen Preußen. Und weil der Rheinländer nicht nur Spaß versteht, gab es damals sogar separatistische Gegenbewegungen. Die aber, natürlich, zum Erliegen kamen. Die Rheinische Republik von 1923 kennt doch heute keiner mehr.

Dafür aber diesen Liedtext: „Einmal am Rhein/und dann zu Zwei’n alleine sein/einmal am Rhein,/beim Gläschen Wein bei Mondenschein!/ einmal am Rhein/Du glaubst, die ganze Welt ist Dein/es lacht der Mund zu jeder Stund/das kranke Herz/es wird gesund,/komm ich lade dich ein/ einmal zum Rhein.“ Ganz klar, der Rheinländer trägt das Herz auf der Zunge.

Um die Verwirrung jetzt aber endgültig komplett zu machen: „Das Rheinland in diesem Sinne verteilt sich in der deutschen Nachkriegsordnung als Folge der nach dem Zweiten Weltkrieg von den Alliierten eingerichteten Besatzungszonen auf Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und das Saarland. Durch neue Gebietsaufteilungen wurde das Rheinland in den nordrhein-westfälischen Niederrhein und den rheinland-pfälzischen Mittelrhein aufgeteilt; nur ein kleiner Teil des nördlichen Mittelrheins gehört heute ebenfalls zum Land Nordrhein-Westfalen.

Köln: Millionenstadt, rheinische Metropole, das „Rom des Nordens“.
Köln: Millionenstadt, rheinische Metropole, das „Rom des Nordens“.Foto: picture alliance / dpa

Zu Rheinland-Pfalz gehören der größere Teil der Gebiete am Mittelrhein einschließlich der rechtsrheinischen Gebiete unterhalb der Höhe von Bonn bis zum Rheingau-Taunus-Kreis sowie Rheinhessen und die ehemalige bayrische Rheinpfalz, während Hessen kein linksrheinisches Gebiet mehr hat. Einen Sonderstatus, wie bereits zeitweise nach dem Ersten Weltkrieg, hatte kurzzeitig bis zum 1. Januar 1957 das aktuelle Bundesland Saarland.“ Und da soll ich was über Rheinländer schreiben!

Deshalb lieber noch einmal Johannes Rau über Nordrhein-Westfalen: „Die Stärke für dieses Land liegt in der einmaligen Kombination der Eigenschaften seiner Menschen: der Zuverlässigkeit des Rheinländers, der Leichtfüßigkeit des Westfalen und der Großzügigkeit des Lippers.“

Der Autor, 1959 in Köln geboren, ist (protestantischer) Sohn einer mit Köln versippten Mutter und eines geborenen Hamburgers. Er konnte es nicht lassen und wurde Journalist, wie Großvater und Vater. Nach Lehrjahren in Köln wurde er dann vor mehr als drei Jahrzehnten politischer Redakteur. Das ist er bis heute, nur die Funktionen haben sich geändert. C. ist seit 2004 gemeinsam mit Lorenz Maroldt – noch einem Kölner – Chefredakteur des Tagesspiegels.

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