Landtagswahl in Thüringen : Vergeben, vergessen, vorbei

Noch nie kam ein Linker durch die Erben der DDR-Bürgerrechtler an die Macht - bis jetzt. Doch an diesem Sonntag wird in Thüringen gewählt, und Grüne/Bündnis90 könnten das Tabu zum ersten Mal brechen. Ein Kommentar.

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Wenn Grenzen heute in Deutschland überschritten werden, stirbt zum Glück keiner mehr. Das Bild zeigt das Freilandmuseum bei Behrungen zwischen Thüringen und Bayern.
Wenn Grenzen heute in Deutschland überschritten werden, stirbt zum Glück keiner mehr. Das Bild zeigt das Freilandmuseum bei...Foto: dpa

Es gab mal eine Zeit, als es wichtig war, ob jemand in Bautzen oder Hohenschönhausen in einer Zelle saß oder ob jemand diese Zelle von außen abschloss. Es war eine Zeit, in der man zwischen Tätern und Opfern, der DDR-Nomenklatura und den Dissidenten unterschied.
Dann fiel vor 25 Jahren die Mauer. Die einen traten das schwierige Erbe des SED-Staates an, nannten sich mehrfach um und heißen nun, bewusst aseptisch, „die Linke“. Die anderen schlossen sich zum „Bündnis 90“ zusammen, das aus den Oppositionsgruppen „Demokratie Jetzt“, „Initiative Frieden und Menschenrechte“ sowie dem „Neuen Forum“ bestand. Das „Bündnis 90“ bildete, laut eigenem Anspruch, den „Kern der in der DDR gewachsenen Opposition“. Im Mai 1993, auf dem Vereinigungsparteitag in Leipzig, fusionierte man mit den Grünen, die wiederum stolz darauf waren, den „Erfahrungsanspruch antitotalitären Widerstands“ in ihren politischen Identitätskanon aufnehmen zu können.

Das Ende der Wende, die endgültige Einebnung aller Traditionen

Das ist, zweifellos, eine sehr grobschlächtige Version der jüngeren deutschen Geschichte. Es gab die Blockparteien, diverse Lernprozesse, Reifungen, Einsichten und das Vergehen der Zeit, die ja bekanntlich alle Wunden heilt. Doch trotz der Dämmerung und des Morgengrauens, so sollte man meinen, gibt es Tag und Nacht.

Wenn nun an diesem Sonntag in Thüringen gewählt wird, könnte etwas Neues geschehen. Zum ersten Mal überhaupt könnte mit Bodo Ramelow (gläubiger Christ aus dem Westen) ein Linker Ministerpräsident werden, weil sich neben der SPD die Erben der Bürgerrechtler für ihn aussprechen. Das wäre, symbolisch gesprochen, in gewisser Weise das Ende der Wende, die endgültige Einebnung aller Traditionen und Ideale. Der moralische Impetus der Bürgerrechtler bestand unter anderem darin, ihre Grundsätze für relevanter zu halten als die nackte Macht.
Tempi passati. Rot-rote Koalitionen hat es schon oft gegeben. Zwar ist nicht allen Genossen an der SPD-Basis in Thüringen wohl bei dem Gedanken, Steigbügelhalter der Linken zu sein – was auch an Frank Kuschel und Ina Leukefeld liegt, zwei ehemaligen Stasi-Mitarbeitern, die für die Linke im Landtag sitzen und erneut mit aussichtsreichen Listenplätzen versehen wurden. Deshalb warnen rund 40 Ex-DDR-Bürgerrechtler die SPD vor einer „fatalen Fehlentscheidung“, zumal „die mehrfach umbenannte SED über immense demokratische Defizite“ verfüge.

CDU und AfD. Warum soll dann nicht auch das möglich sein?

Aber für Grüne/Bündnis90 wäre eine solche Koalition ein Novum. Sieht man vom Spezialfall der Tolerierung durch die PDS im „Magdeburger Modell“ ab, haben die Erben der Dissidenten noch nie gemeinsame Sache mit den Nachnachnachfolgern der SED gemacht. Die Bundesvorsitzende der Grünen, Simone Peter, meint dazu in einer Mischung aus historischer Bagatellisierung und kaltem realpolitischen Kalkül: „Warum nicht? Die Linke ist in Ostdeutschland eine Kraft.“ Gregor Gysi wiederum weiß ohnehin: „Die Grünen sind so scharf aufs Regieren, die werden viele Kompromisse eingehen.“
Tabubruch – ein strapaziertes Wort. Vielleicht ist es ja wirklich egal geworden, wer damals in Bautzen saß und wer die Tür von außen verriegelte. Wer aber solche ideologischen Grenzen einreißt, darf sich nicht beschweren, wenn auch dem politischen Gegner die Skrupel abhanden kommen. Etwa der CDU im Verhältnis zur AfD. Warum soll das nicht möglich sein, wenn alles möglich ist?

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