Landtagswahlen : Wer ist Sachsen-Anhalt?

Das Land ist zusammengefügt, ein Kunstgebilde. Was das Wachsen eigener Identität behindert. Aber es hat Luther und Händel, Burgen und Bauhaus. Das macht es unverwechselbar – und stolz.

Friedrich Schorlemmer
Mitten im Leben. Luther auf dem Marktplatz in Wittenberg.
Mitten im Leben. Luther auf dem Marktplatz in Wittenberg.Foto: picture-alliance/ ZB

WELCHE HISTORIE HAT DAS LAND SACHSEN-ANHALT GEPRÄGT?

Was ist das Lächeln der Mona Lisa gegen das feine Lächeln der Uta und das freche der Regilindis im Naumburger Dom? Von Wittenberg aus hallten die Hammerschläge des Mönchs Martin Luther durch ganz Europa – selbst wenn er, was umstritten ist, nicht genagelt hätte. Das arme Land speist seine Identität aus einer großen Vergangenheit. Aus den Merseburger Zaubersprüchen, aus dem Grab Ottos des Großen in Magdeburg, aus Heinrich Schütz in Weißenfels, aus den wunderbaren Domen in Havelberg, Stendal, Magdeburg, Halberstadt, Naumburg und Quedlinburg. Aus Magdeburg, dem Rom des Nordens, bis Tilly es im Dreißigjährigen Krieg in Schutt und Asche legte, wovon sich die Stadt bis heute nicht erholt hat. Den Rest gab ihr der verheerende Bombenangriff im Januar 1945. Aus Halle, der Stadt des Pietismus und des Rationalismus mit der Wissenschaftsakademie Leopoldina. Dessau nicht zu vergessen – mit dem Bauhaus. Und mit dem Wörlitzer Gartenreich einerseits und den Junkers-Werken andererseits. Das Land ist von Wittenberg bis Wittenberge von der Elbe geprägt. Es reicht von der Altmark über den Harz bis zum Chemiedreieck von Bitterfeld, Halle und Buna/Leuna.

WO IST DIE GEISTIGE MITTE?

Die wichtigste Stadt heißt aus der Weltperspektive weder Magdeburg noch Halle, sondern Wittenberg. Hier lebte und wirkte der, der Kirche und Gesellschaft erneuern wollte und eine Spaltung bewirkte. Sachsen-Anhalt, das ist Martin Luthers Land. Der allerdings vermutete, dass hier, selbst wenn man ehrbare Menschen gesät hätte, doch nur grobe Sachsen aufgegangen wären.

WER IST DER SACHSEN-ANHALTINER?

Sachsen-Anhalt ist eine preußisch-sächsische Provinz mit einverleibtem Anhalt. Eine richtige Landesidentität konnte sich kaum bilden. Was haben Halberstädter Würstchen schon auszurichten gegen Thüringer Bratwurst oder Dresdner Stollen? Da behaupten politische Werbestrategen: Wir stehen früher auf. Das mag sein, aber was kommt, nachdem man aufgestanden ist? Sachsen-Anhalt ist charakterisiert durch die Magdeburger Börde, also Weizen und Rüben – jetzt durch viel zu viele Mais- und Rapsfelder –, durch eine Sprachscheide zwischen Hochdeutsch und sächsisch-hallesch-magdeburgischem Mischmasch. Den Sachsen-Anhaltiner charakterisiert, dass er nicht weiß, wo er hingehört. Zu Sachsen, zu Preußen, auch zu Thüringen? Ihn charakterisiert eine nicht zu lösende Konkurrenz zwischen den beiden Städten Halle und Magdeburg. Halle – jene im vereinigten Deutschland unterbewertete Wissenschafts-, Kunst- und Kulturstadt, mit ihrer wunderbaren, durch die DDR-Zeit hindurch geretteten Leopoldina und der sehr respektablen Kunst- und Designhochschule Burg Giebichenstein.

WIE VIEL SACHSEN, WIE VIEL ANHALT STECKEN IM LAND?

Von Anhalt nicht viel, auch wenn die Anhalter das anders sehen. Die einstige prachtvolle Residenzstadt Dessau ist zu 86 Prozent (wie auch Zerbst, das Rothenburg des Nordens) zerstört worden. Anhalt findet sich wieder in dem wunderbaren Bauhaus und den Meisterhäusern von Kandinsky, Klee, Gropius. Halle hat es geschafft, sich sowohl im Pietismus August Hermann Franckes wie in der Aufklärung durch den Universalgelehrten Christian Wolff einen Namen zu machen. Natürlich im Konflikt. Aber erfolgreich. Halle gehörte zu den KPD-Hochburgen, mit dem zu Herzen gehenden kleinen Trompeter(-Mythos). Hier residierte einst SED-Bezirkschef Sindermann, der „blinde Mann“, wie es in einem Biermann-Lied heißt. Ulbricht persönlich räumte in der Uni 1958 auf – schmiss Leute raus und verjagte missliebige Professoren. Nach 1989 wurden die verrotteten Franckeschen Stiftungen wieder aufgebaut. Das ging nicht ohne Hans-Dietrich Genscher, den Hallenser, und Paul Raabe, den Direktor der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel, der die Stiftungen von 1992 bis 2000 leitete. Eine Erfolgsgeschichte, bei der man den Mund nicht mehr zukriegt.

WELCHEN WEG IST SACHSEN-ANHALT NACH DEM MAUERFALL GEGANGEN?

Sachsen-Anhalt musste sich neu finden und neu erfinden aus den von der SED gebildeten Bezirken Magdeburg und Halle. Der Transformationsprozess stand hier vor unvergleichlichen Herausforderungen. Was sollte aus der ökologischen Hölle von Bitterfeld bis Leuna werden, was aus dem Schwermaschinen- und Kranbau, was aus dem Stickstoffwerk Piesteritz, was aus dem verseuchten Umfeld von Wolfen? Im Konflikt um die Kaliwerke Bischofferode zeigte sich die ungleiche Konkurrenz, ja strukturelle Asymmetrie zwischen Ost und West. Es wurden auf dem umkämpften Markt weder Kali aus Bischofferode gebraucht noch Fernseher aus Staßfurt. Vieles war Schrott, anderes wurde rigoros ab-saniert.

Politisch schwankte Sachsen-Anhalt zwischen einer zunächst besonders Kohl- nahen CDU und einer unkonventionell- undogmatischen Linken. Unter massivem Sperrfeuer wagte es ein wackerer Sozialdemokrat, einst souveräner Vizepräsident in manchem Chaos der ersten frei gewählten DDR-Volkskammer, Reinhard Höppner, unter Duldung der PDS zunächst mit den Grünen, dann allein zu regieren. 2002 wurde er im Bundestrend weggeputzt. Dabei hatte gerade er ein Stückchen DDR- Identität in persönlicher Glaubwürdigkeit repräsentiert. Sachsen-Anhalt fand sodann in Wolfgang Böhmer einen Ministerpräsidenten, der sich deutschlandweit als jemand erwies, der sich nicht in Parteischemen pressen ließ, sondern unabhängig und sachbezogen – bisweilen etwas störrisch – agierte und regierte. Auch wenn hohe Arbeitslosigkeit zu beklagen ist, das Land an Westabwanderung Bestausgebildeter leidet, ist es doch beeindruckend, wie Stendal, Salzwedel, Magdeburg, Wittenberg, Weißenfels, Halle, Halberstadt, Naumburg auferstanden sind aus Ruinen der DDR. Hier lässt sich gut leben, wenn sich mehr gute Arbeit findet.

WELCHE BESONDERHEITEN HAT SACHSEN-ANHALT IM VERGLEICH ZU ANDEREN OSTDEUTSCHEN BUNDESLÄNDERN?

Die höchste Erhebung, der Brocken, und der Harz mit Hexentanzplatz in Thale sind mythologisch kaum zu überbieten. Was ist dagegen schon die Zugspitze? Die Burgen an der Saale hellem Strande, das majestätische Kloster Jerichow, das so wunderschöne, wenngleich durch Rechte gestörte Quedlinburg (da schlummert überall noch vieles). Die Liebe geht auch hier durch den Magen: Burger Knäcke, Hallenser Halloren (und Halunken), Salzwedeler Baumkuchen, Halberstädter Würstchen. Auch Jürgen Sparwasser und Stefan Kretzschmar, Silbermond und Tokio Hotel. Wir haben die Flaschen mit dem roten Käppchen – die Freyburger Sektkellerei schluckte sogar ein namhaftes West-Unternehmen. Und wir haben eine Scheibe – die 1999 bei Nebra gefundene Himmelsscheibe, die weltweit älteste konkrete Himmelsdarstellung. Alles in allem ein Kunstgebilde wie Nordrhein-Westfalen. Falls es je eine Fusion gibt – mit wem? Ich wäre für den Norden, schon aus Gründen der Sprachpflege. Das Magdeburgische und das Hallesche gehören eher zu Ausrutschern des Deutschen denn zur Dialektvielfalt.

WIE GEHT ES DEM LAND ÖKONOMISCH, POLITISCH, KULTURELL UND SOZIAL?

Sachsen-Anhalt gehört eher zu den Sorgenkindern unter den 16 Ländern der vereinten Republik. Wer zählt die jungen Leute, die dieses Land in nunmehr 21 Jahren gen Westen verlassen haben, und wie lange werden abertausende „Werktätige“ noch Woche für Woche gen Westen fahren, nur dort Arbeit finden, am Wochenende zurückkommen, nicht mehr ganz hier sein? Mehrere gute Hochschulen und zwei Universitäten gibt es, aber wenige Absolventen finden hier eine Perspektive. Ökonomisch hängen wir am Tropf der erfolgreichen Bundesländer. Wir hatten den Zusammenbruch industrieeller Monokultur zu verkraften, haben indes kulturell Wunderbares zu bieten – Theaterbühnen, Orchester, Museen, ob in Magdeburg, in Halle – mit der Moritzburg – oder in Frankenhausen, jenem umstrittenen Panorama revolutionärer und restaurativer Geschichte.

Hier ist Bescheidenheit zu Hause, hier haben Waldenser geheimnisvolle Spuren hinterlassen, hier findet der Wein wieder eine Heimat, hier fließt noch frei die Elbe. Hier ist ein Freiheitsgedanke zu Hause – und Untertanengehorsam. Hier wurde der schärfste Kritiker des Christentums geboren und begraben: Friedrich Nietzsche. Tischsprüche des Mansfelder Bergmannssohnes Luther und die Aphorismen des Röckener Pfarrerssohnes Nietzsche bestimmen noch heute jene Kreise, denen der Geist nicht ausgegangen ist. Luther: „Was Gott nicht hält, hält nicht.“ Nietzsche: „Gott ist tot. Und wir haben ihn getötet.“ Schütz, Bach, Telemann, Händel und Weill haben hier so unvergessliche Spuren hinterlassen wie Albert Ebert und Willi Sitte, Michael Kohlhaas und Thomas Müntzer, Bischof Werner Krusche und Kommissar Ehrlicher. Von Guerickes Halbkugeln halten’s zusammen, auch das, was nicht Vakuum ist.

DATEN

Gründung: 1945 vereinigte die Sowjetische Militäradministration die Provinzen Magdeburg und Halle-Merseburg zur Provinz Sachsen, kurz darauf änderte sie den Namen in Provinz Sachsen-Anhalt. 1947 erfolgte die Umbenennung in Land Sachsen-Anhalt. 1952 löste die DDR die Länder auf, bildete 15 Bezirke. 1990 wurden die Länder wieder gegründet.

Bevölkerung: 1990 hatte Sachsen-Anhalt noch knapp 2,9 Millionen Einwohner. Dann ging es durch Abwanderung und Geburtendefizit ständig bergab – im Jahr 2009 waren es weniger als 2,4 Millionen Einwohner.

Lichtblick: Im Oktober 2010 verzeichnete das Land erstmals seit 13 Jahren wieder einen Wanderungsgewinn: 4948 Zuzügen standen nur 4565 Fortzüge gegenüber. Halle und Magdeburg hatten den größten Zuwachs.

Der Autor ist evangelischer Theologe. Zu Zeiten der DDR war Schorlemmer in der Friedens-, Menschenrechts- und Umweltbewegung aktiv, danach, von 1992 bis 2007,Studienleiter der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt. Er lebt in Lutherstadt Wittenberg.

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