Politik : Landtagswahlkampf in Norddeutschland

Thomas Eckert

Täglich macht die CDU-Affäre Schlagzeilen, an der Küste kämpft die Partei um jeden Wähler.Thomas Eckert

Regine Hildebrandt ist hin und weg. "So watt Schnuckliges", ruft sie in den Saal, als hätten die Maler gerade erst den Pinsel aus der Hand gelegt. Beifall von 300 Händen, schöner, warmer Beifall. Die ehemalige Sozialministerin des Landes Brandenburg hat die Sache hoch oben im Norden fest Griff. Auf Einladung der SPD ist Hildebrandt in Flensburg, um ein paar bewegende Worte zu den Genossinnen und den Genossen zu sagen: Es ist höchste Wahlkampfzeit. Als sie den großen Saal des Restaurants "Borgerforeningen" betritt, in dem sonst die Vertreter der dänischen Minderheit ihre Feste feiern, brandet Applaus auf. "Das passiert bei uns in Flensburg nicht alle Tage", sagt Ingrid Franzen, die örtliche Kandidatin der SPD, "ich danke dir, dass du gekommen bist. Ich darf doch du sagen?" Sie darf.

Regine Hildebrandt ergreift das Wort und gibt es erst nach zwei Stunden wieder aus der Hand. Erst das Lob des Schnuckligen, gemeint ist die Stadt Flensburg, dann die große Politik. "Klog skaemt er alvors tale" steht über der Bühne mit den mächtigen vergoldeten Säulenattrappen, die zum Saal gehört. Das heißt: Der Ernst der Rede offenbart sich erst auf den zweiten Blick. Davon hält Regine Hildebrandt rein gar nichts. Politik ist, wenn man kein Blatt vor den Mund nimmt. Warum SPD wählen? Weil es in Deutschland nur eine weibliche Ministerpräsidentin gibt und die nicht ihr Amt verlieren soll. Warum die Gleichstellungsbeauftragte behalten, die die CDU abschaffen will? Weil eine Gleichstellungsbeauftragte eine tolle Sache ist. Weil die Renten sicher bleiben sollen, muss eben für zwei Jahre auf Zuwachs verzichtet werden - eine tolle Sache. Und die Gesundheitsreform? Ja, das war wohl fürs Erste wieder nischt, aber es ist doch immerhin besser als gar nischt, sagt Hildebrandt. Und lacht ihr kleines meckerndes Lachen.

Der Saal lacht mit, die Kronleuchter pendeln sanft hin und her, nur die SPD-Fahnen in den Coca-Cola Gläsern bleiben gänzlich unbewegt. Das Ehepaar Fallada, er Saxofon, sie Orgel, hebt an, ein bisschen Unterhaltung muss schließlich auch sein. Wir haben Zeit für Fragen, sagt die örtliche Kandidatin, Regine schläft in Flensburg. Die SPD-Familie, die meisten ältere Herrschaften um die 60, sind zufrieden. So schön können Wahlveranstaltungen sein. Eine Dame steht auf und möchte etwas sagen: Sie finde, das hier sei eine optimale Veranstaltung. Warum? Weil man sich ausschließlich mit der SPD beschäftigt und nicht wie üblich auf den politischen Gegner eingeschlagen habe. Und dann strömt das Wahlvolk hinaus auf die Straßen der nördlichsten Stadt Deutschlands, von der die Wahlkämpferin Regine Hildebrandt auch gesagt hatte, sie erinnere sie an den Osten Deutschlands: weil sie am Abend so unbelebt sei. Aber das haben die Flensburger, höflich wie sie sind, ganz einfach überhört.

"Mitleid mit Volker Rühe"

Wahlkampf im Norden: Das ist ohnehin eine Sache der Höflichkeit. Beinahe ritterlich geht es zu. Die Devise: Wenn du mir nichts tust, dann tue ich dir auch nichts. Zwei Tage nach dem Auftritt der Brandenburgerin hat sich wieder hoher Besuch angekündigt: Angela Merkel, die Generalsekretärin der CDU, wird sich um die Mittagszeit in der Flensburger Fußgängerzone den Fragen der Bürger stellen. Ein hoher Funktionsträger der örtlichen CDU, der auf keinen Fall namentlich genannt werden will und Berlin gern scherzhaft Reichshauptstadt nennt, wittert Unrat: Die Sache mit Roland Koch liegt ihm schwer im Magen. Am Tag zuvor hatte sich der hessische Ministerpräsident in Elmshorn vorgestellt und dabei in viele skeptische Gesichter geblickt. Am Vormittag hatte die CDU mitgeteilt, dass Roland Koch seine Termine in Schleswig-Holstein abgesagt habe. Eine gewisse Erleichterung ist dem Flensburger CDU-Mann durchaus anzumerken. Das mit dem Koch ist das Schlimmste, was uns jetzt passieren konnte, sagt er hinter vorgehaltener Hand.

Jeden Sonnabend steht die CDU wie die anderen Parteien auch mit einem Info-Stand in der Fußgängerzone. Zu Anfang wurden wir bespuckt, sagt der Parteimann, das hat sich inzwischen gegeben. Jetzt treten sogar wieder mehr Menschen in die CDU ein als sie verlassen. "Mitleid mit Volker Rühe" fordert ein älterer Herr, während er zusammen mit einer Hand voll Kamerateams auf die Ankunft von Angela Merkel wartet. Mitleid: Schließlich könne der Rühe doch nichts dafür, was die anderen verbockt hätten. Das ist das Lied, das die Christdemokraten im ganzen Land zwischen den Meeren immer wieder singen: die Affäre um die Spenden, schön und gut, aber es gehe doch hier um Schleswig-Holstein. Wer deshalb SPD wähle, der bestrafe sich selbst.

Angela Merkel kommt, ein Buchladen auf dem Weg zum Stand der Jungen Union hat seine Fenster mit Schildern dekoriert, auf denen nur ein Wort steht: Treibjagd. Dann stürzen sich auch schon die Kameras auf sie. Und immer wieder die selben Fragen: Muss Roland Koch zurücktreten, wird die Koaltion in Hessen halten? Und Merkel antwortet, wieder und wieder, nein und ja. Eine halbe Stunde hat das Wahlvolk Zeit, Fragen zu stellen, dann ist die Diskussion zu Ende. Die Frage eines aufmüpfigen CDU-Mitglieds, das unschlüssig ist, ob es seine Partei auch diesmal wählen wird, dass doch der Engholm damals auch zurückgetreten sei, als man ihn bei einer Lüge ertappt hatte, und ob das nicht auch für den Koch gelten müsse, diese Frage bleibt auch dieses Mal unbeantwortet.

Frau Merkel muss weiter, nach Meldorf in Dithmarschen, ins "Ballhaus Erheiterung", wo die Kaffeesahne noch so kräftig im Krug steht, wie sich das in einem Bauernland gehört. Hier wird sie keine kritischen Fragen hören, hier wird sie gefeiert, und schöne Grüße von Theo Waigel, den man mit dem Vergleich erfreut habe, die Dithmarscher seien die Bayern des Nordens: immer ein Stück voraus und herrlich schwarz.

Angela Merkel spricht: zu Anfang jeder Veranstaltung ein paar Worte zur Affäre. Es müsse radikal aufgeklärt werden, die Namen der Spender müssten auf den Tisch, und der Koch in Hessen mache seine Sache nun wirklich so gut er könne. Dann die rituellen Nackenschläge Richtung SPD-Regierung. Her mit der A 20, die A 7 muss ausgebaut werden, 1000 neue Lehrer braucht das Land, keine weitere Verschuldung, her mit den neuen Technologien. Weg mit der fortschreitenden Bürokratisierung des Landes.

"Legal, illegal, scheißegal"

Bei den Grünen hat sich Joschka Fischer angesagt. Er wird im großen Saal des Deutschen Hauses sprechen, einem mächtigen Backsteinbau aus den Dreißigern, der auf 1200 Eichenpfählen ruht. Aber erst einmal muss er laufen, wie jeden Tag. Zehn Kilometer durch den Glücksburger Wald, schöner Blick über die Flensburger Förde. Mit ihm rennen Flensburger Hobby-Läufer, eingeladen über eine Zeitungsanzeige. Fischer kommt als erster ins Ziel - wie immer. Am Abend ist der Außenminister fit für den großen Auftritt. Dreiviertelvoll ist der Saal, diesmal viele junge Leute, die ihrem großen Star in die Augen sehen wollen. Draußen vor der Tür ein einsamer Stand wie zu seligen Sponti-Zeiten, auf einem T-Shirt ist Fischer in der Pose des Che Guevara abgebildet. Bodyguards patrouillieren durchs Foyer, Ordner tasten jeden ab, der in den Saal will. Der örtliche Kandidat spricht, die Spitzenkandidatin der Grünen, Irene Fröhlich, singt ein halbes Dutzend Mal den rhetorischen Refrain "Das ist gut für unser Land", dann besteigt er gemessenen Schrittes die Bühne: Fischer in Jeans und Jackett. Er kommt ja aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, sagt er, was seine hessischen Pappenheimer da auf die Beine gestellt haben: Das ist nicht Kabarett, das ist CDU. Der Saal lacht. Und als Fischer sagt, er hätte sich nie und nimmer träumen lassen, als Alt-Sponti einmal von der CDU ausgepunktet zu werden - legal, illegal, scheißegal - ist die Stimmung auf dem Höhepunkt. Der Beweis, dass sich die Zeiten geändert haben, liegt auf dem Info-Stand: Als Fischer das deutsche Haus längst verlassen hat, ist das Fischer-Che-T-Shirt immer noch da. Ein Ladenhüter. Politik ist fürs Volk, entschieden wird woanders.

20 Mitglieder des Wirtschaftsrates der CDU e. V. Sektion Flensburg-Schleswig haben sich am Freitagmittag in einem Hinterzimmer des Hotels Wassersleben in Flensburg versammelt. Als Gastredner hat sich der Regierende Bürgermeister von Berlin angesagt. Um 13 Uhr 03, man legt Wert auf Pünklichkeit, lässt Bernd Rothehuser, stellvertretender Vereinsvorsitzender und Direktor der Commerzbank in Flensburg, das Essen servieren, paniertes Schollenfilet mit kleinem Salat.

Eberhard Diepgen verspätet sich, Ausnahmen werden nicht gemacht. Um 14 Uhr 03 oder 05 will man fertig sein. Nein, wird man fertig sein, sagt Rothehuser. Diepgen kommt, das Thema heißt "Metropole und Flächenstaat". Man lauscht dem erfahrenen Politiker, Diepgen ist ganz der Souverän aus der Hauptstadt. Die örtliche Kandidatin Brita Schmitz-Hübsch ist auch da. Man spricht über Bildungspolitik, Transrapid und darüber, dass in Schleswig-Holstein bis zum Jahr 2003 keine Investitionen der Deutschen Bahn geplant sind. Man ist sich einig: ein Skandal. Und um Geld geht es auch. Kurz vor 14 Uhr sagt Brita Schmitz-Hübsch, es wäre schön, wenn die Herren ein wenig spenden würden. Es wäre nicht einmal Geld für eine Anzeige in der Parteikasse. Wir wollen siegen, hatte Diepgen kurz zuvor den Herren und der Dame zugerufen. Gespendet hat er nicht.

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