Landwirtschaft : Neues Gentechnikgesetz: Die Bauern sind gespalten

Einige Landwirte haben Angst, dass ihre Felder nun von Genpollen verunreinigt werden. Andere sehen sich in ihren Möglichkeiten behindert, "grüne Gentechnik" zu nutzen. Das neue Gentechnikgesetz stößt bei den den Bauern auf widersprüchliche Reaktionen.

Marc-Oliver von Riegen[dpa]

Berlin/Ingolstadt Ausgerechnet in seiner Heimat Ingolstadt erntet Bundesagrarminister Horst Seehofer (CSU) für sein neues Gentechnikgesetz herbe Kritik. Die Bauern in der Region haben sich zur gentechnikfreien Zone erklärt. "Ich bin dagegen, und ich bin damit nicht allein auf weiter Flur", sagt Bauer Michael Weidenhiller. Er baut auf seinen 80 Hektar Gerste, Raps, Weizen und Zucker an. "Die größte Sorge ist, dass meine Felder durch Nachbarn verseucht werden. Wir haben überhaupt keinen Einfluss darauf, das zu verhindern." Wenn Weidenhiller im gentechnikfreien Tirol das Futtermittel Rapskuchen verkauft, muss er nachweisen, dass seine Ware frei von gentechnisch veränderten Organismen (GVO) ist. "Kleinste Mengen an Staub genügen, um GVO in Rapskuchen zu verschleppen."

Der Landwirt teilt die Sorgen von Grünen, Umweltverbänden und Ökologischer Lebensmittelwirtschaft, dass Lebensmittel durch Pollenflug oder über Bienen ungewollt verunreinigt werden könnten. "Egal, wie man sich darüber aufregt, wird man eine schleichende Belastung von Nahrungsmitteln mit GVO nicht aufhalten können. " Deutschland liegt beim Anbau von Gentechnik weit hinter Ländern wie den USA oder Spanien. Derzeit wird genveränderter Mais auf rund 2700 Hektar angebaut, vor allem in Ostdeutschland. Zum Vergleich: Die Fläche von Ingolstadt beträgt etwa das Fünffache.

Das neue Gesetz führt Regeln ein, die leicht umgangen werden können

Nur Genmais MON 810 ist bisher zum Anbau zugelassen. Er soll gegen den Schädling Maiszünsler schützen. Dazu kommen Freilandversuche unter anderem mit Äpfeln, Kartoffeln, Raps, Weizen und Zuckerrüben. Seehofer will mit seiner Novelle die Forschung erleichtern und strikte Anbauregeln einführen. Künftig soll zwischen konventionellem Mais und Genmais normalerweise ein Abstand von 150 Metern gelten, bei Öko-Mais von 300 Metern. Umstritten ist unter anderem, dass Bauern dies durch Absprachen umgehen können.

Mehrere Landwirte in Sachsen-Anhalt kritisieren das neue Gesetz aus anderem Grund. Sie halten es für ein "Gentechnik- Verhinderungsgesetz". "Die vorgesehenen Regelungen von Gesetz und Verordnung sind nicht praxistauglich, entbehren jeder fachlichen Grundlage, sind rein politisch motiviert und sollen die Anwendung der "grünen Gentechnik" in Deutschland einschränken", sagt der Vorsitzende des Vereins Innoplanta in Gatersleben, Uwe Schrader.

"Der Natur ist das Gesetz ohnehin egal"

Dies widerspreche dem Koalitionsvertrag. Darin hatten Union und SPD vereinbart, Forschung und Anwendung der Gentechnik zu befördern. Für Bauer Weidenhiller sitzt Seehofer zwischen zwei Stühlen: "Er hat Druck von seinen Wählern, Landwirten und der Bevölkerung, etwas GVO-frei zu halten, und er hat massiven Druck von der Industrie." Und obwohl Bundestag und Bundesrat sich noch damit befassen müssen, hält Weidenhiller das Gesetz bereits für Makulatur. Aus einem einfachen Grund: "Weil die Natur keine Grenzen zieht."

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