Politik : Langer Eugen international

Das frühere Abgeordnetenhochhaus in Bonn dient nun als Zentrale für UN-Organisationen

Jürgen Zurheide[Bonn]

Wo früher die Abgeordneten im „Langen Eugen“, dem Bundestagsgebäude, verschwanden, weist heute eine Tafel auf die neuen Eigentümer hin: Die Vereinten Nationen haben in Bonn ihr neues Domizil bezogen. Offiziell ist dieser Akt noch nicht vollzogen, das wird erst am kommenden Dienstag geschehen, wenn Kanzlerin Angela Merkel mit UN-Generalsekretär Kofi Annan den Campus seiner Bestimmung übergeben wird. Bis dahin werden an den meisten der vielen Büros neue Namensschilder hängen, gut 600 Experten aus aller Welt werden ihre Büros im ehemaligen Abgeordnetenhaus bezogen haben.

Dann endet vorläufig eine Geschichte, die ihren Ausgangspunkt in der Entscheidung des Bundestags am 20. Juni 1991 hatte: Damals sprach sich eine knappe Mehrheit für den Umzug der Regierung nach Berlin aus. Die Bonner fürchteten damals, in der Bedeutungslosigkeit zu verschwinden und nicht nur die Regierung, sondern auch unzählige Arbeitsplätze zu verlieren. Heute weiß man, dass diese Sorgen übertrieben waren; was allerdings auch damit zu tun hat, dass die Bonner in jenen Tagen gut verhandelt und sich jede Menge Hilfe für den Umbau der Stadt gesichert hatten. Insgesamt 1,4 Milliarden Euro Fördermittel hatten sie sich zum Ausgleich der Nachteile zusagen lassen, und dieses Geld haben sie offensichtlich gut angelegt. Neben den fünf Ministerien, die bis heute ihren Hauptsitz in der Bundesstadt Bonn haben, wurden gezielt Unternehmen angesiedelt und Hochschulen so sehr gefördert, dass es in Bonn heute mehr Arbeitsplätze als vor 15 Jahren gibt. Wem das als Erfolgsausweis noch nicht reicht, dem legt die beliebte Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann (SPD) eine Tabelle mit der Geburtenrate vor: Sie liegt so hoch, dass die Bevölkerungszahl im Gegensatz zu vielen anderen Großstädten der Republik weiter wächst.

Dazu beigetragen haben auch die Vereinten Nationen. Schon damals haben sich die Rheinländer dafür stark gemacht, dass Bonn zum Zentrum für die internationalen Vertretungen wird. Nach dem Umzug der meisten Botschaften kamen die Mitarbeiter der UN, sie verteilen sich bisher allerdings auf die ganze Stadt. Mit dem Umbauprojekt im alten Abgeordnetenhaus, das gut 50 Millionen Euro kostete, schafft man nun einen eigenen UN-Campus. Die überdimensionalen weiß-blauen Schilder auf dem Dach des „Langen Eugen“ signalisieren inzwischen weithin, dass Bonn die einzige UN-Stadt der Republik ist. In den vielen Büros arbeiten vor allem die Mitarbeiter von insgesamt zwölf UN-Organisationen, die sich überwiegend mit Umweltfragen und der Nachhaltigkeit beschäftigen.

Mit diesem Umbau sind die Pläne aber noch nicht vollendet. Nebenan im alten Plenarsaal verbaut ein internationaler Investor gerade noch einmal 140 Millionen Euro für ein internationales Kongresszentrum, das einmal „United Nations Congress Center“ heißen soll. Bei diesem Umbau stoßen die Bauarbeiter auf viele Zeugnisse der langen Siedlungsgeschichte Bonns: Gegenüber dem alten Plenarsaal haben Archäologen Scherben, Keramiken und reichlich Knochen aus der römischen Zeit gefunden; selbst Überreste eines Tempels haben sie ausgegraben. Die werden für eines der vielen Bonner Museen präpariert.

Noch ungeklärt ist die Zukunft einer Institution aus der jüngeren Geschichte. Der Kiosk vor dem alten Bundesratsgebäude muss dem Projekt weichen, er kann aber nicht einfach abgerissen werden. 50 Jahre lang haben dort Kanzler, Abgeordnete, Lobbyisten und Journalisten neben ihren Zeitungen Würstchen gekauft und Nachrichten ausgetauscht. Er soll jetzt, natürlich detailgetreu, in unmittelbarer Nähe des alten Kanzleramts am Rhein wiederaufgebaut werden.

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