Politik : Langsame Öffnung

Verdrängt, weggeschoben. 57 Jahre schwieg Ruth Winkelmann über ihr Leiden unter dem Holocaust. Jetzt kann sie darüber sprechen.

von
2012
2012

Vielleicht musste erst jemand kommen und Worte finden wie jene Lehrerin, die Ruth Winkelmann 2002 auf einer Reise in Danzig anspricht. An einem Urlaubstag sitzt die Berlinerin mit ihrem Lebensgefährten in einem Café am Hafen. Am Nebentisch eine Deutsche, immer wieder schaut sie auf den kleinen Davidstern, den Ruth Winkelmann um den Hals trägt. Irgendwann fasst sich die andere ein Herz, fragt: „Sagen Sie mal, haben Sie zu dem Davidstern eine nähere Beziehung?“

Ruth Winkelmann zaudert nicht, antwortet: „Ja, eine ganz enge Beziehung.“

Ein Zögern, ein Abwägen, dann die Frage, mutig und direkt: „Wo haben Sie überlebt?“

„Na, in Berlin“, sagt Ruth Winkelmann.

„Könnten Sie darüber reden“, fragt die Frau nach einer Gesprächspause. „Vor meiner Schulklasse?“

„Ja“, sagt Ruth Winkelmann. „Gerne.“

57 Jahre sind vergangen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, ein ganzes Menschenleben passt in die Zeitspanne dazwischen. Fast ein ganzes Menschenleben lang hat Ruth Winkelmann geschwiegen über das, was sie im Krieg erlebt hatte. Die Erinnerungen – unangetastet, weggeschoben, tief unten in die Seele. Dieses eine Mal, an diesem Tag in Danzig, muss sie nicht nachdenken, nicht abwägen, nicht abblocken. Ihre Antwort kommt spontan. Sie überrascht ihren Lebensgefährten – und sie überrascht sich selbst. Sie spürt: Ich bin bereit. Bereit zu erzählen.

Ruth Winkelmann ist heute 83 Jahre alt und eine der wenigen Überlebenden des Holocaust, die noch von ihrem Schicksal berichten, ihre Erinnerungen an die Kinder, Enkel und Urenkel weitergeben können. Man ahnt ihr Alter nicht, eine fröhliche kleine Frau, ein bisschen rundlich, mit energischem Händedruck und der kräftigen Stimme einer 50-Jährigen. Ihr Blick ist offen, ihr Lachen herzlich, die Fingernägel trägt sie zum Pullover passend lackiert. Regelmäßige Saunabesuche und die Arbeit im Garten halten sie fit. Man spürt ihre Lebenskraft, ahnt, dass sie ihr Leben lang wusste, was sie wollte.

Jetzt will sie reden. Sie weiß, es bleibt nicht mehr viel Zeit. Je mehr Jahre verstreichen, desto weniger Zeitzeugen gibt es. Aber was dann? Was, wenn niemand mehr da ist, der aus erster Hand erzählen kann, von Leid und Verfolgung, vom Leben in Todesangst? Wenn diejenigen weg sind, die Geschichte spürbar machen können, weil sie sie selbst haben spüren müssen?

Ruth Winkelmann hat spüren müssen. 1928 als Ruth Jacks, Tochter einer deutschen Mutter und eines jüdischen Vaters geboren, hat sie den Terror der Nationalsozialisten überlebt. Mitten in Berlin, mit ihrer Mutter und Schwester versteckt in der Laubenkolonie „Einigkeit“ in Wittenau. Sie hatte Glück, riesengroßes, kaum zu fassendes Glück. Ihre Geschichte ist trotzdem keine glückliche. Fast ihre gesamte jüdische Familie wurde von den Nationalsozialisten ermordet, nur ihr Cousin Willy kam aus dem Konzentrationslager zurück. Ihre kleine Schwester Eddi starb, von der eisigen Kälte im Versteck ausgezehrt, drei Tage nach ihrem achten Geburtstag im März 1945 an Typhus.

Vorbei. Am 8. Mai 1945 ist alles vorbei. Und Ruth Jacks will nicht mehr spüren, sich nicht erinnern, nicht über Erlebtes sprechen. In der Pappelallee, wo die Familie bis Kriegsende offiziell gemeldet war und sich die Mutter mit den Töchtern hinrettete, wenn die Winterkälte in der Laube nicht mehr zu ertragen war, zieht sie Fotos aus dem Schutt, Schulzeugnisse, Vorladungen der Gestapo, Lebensmittelmarken, Postkarten – in einem dicken Fotoalbum und einer Mappe, beide mit festem braunem Stoff bezogen, haben die Familiendokumente den Bomben getrotzt. Sie schließt die Deckel, verbannt die Erinnerungen, dichter verschlossen als in einer festen Mappe. Jahrzehnte werden vergehen, bis sie die Deckel wieder öffnen kann. Vielen ihrer späteren Bekannten und Nachbarn wird sie nicht einmal erzählen, dass sie Jüdin ist.

„Sobald ich nur an diese Zeit dachte, fingen meine Hände an zu zittern, der ganze Körper vibrierte, und mir wurde entsetzlich elend. Ich war nicht mehr ansprechbar. Wenn andere das Thema aufbrachten, ergriff ich die Flucht“, schreibt sie später. Wie sie das alles überwunden hat? „Ich habe wohl viel weggeschoben“, sagt sie. Es ist ihr Weg, weiterzuleben.

Bis zu dem Urlaubstag 2002 in Danzig.

Ruth Winkelmann meint, was sie der Fremden spontan zusagt, ohne Zaudern, ohne Abblocken. Die Frauen bleiben in Kontakt. Der Panzer, in dem die Erinnerungen lagern, wird geöffnet, erst einen Spalt breit, dann immer weiter. Ruth Winkelmann setzt sich an den Schreibtisch, stellt sich den Erinnerungen, formuliert ihren Lebenslauf. Sie merkt, dass ihr die Worte fehlen, die kurze Schulzeit macht sich bemerkbar, in der sie nie Gelegenheit bekam zu lernen, wie man komplexere Texte schreibt. Doch sie beißt sich durch, bringt ihre Geschichte zu Papier. Bald darauf fährt sie nach Baden-Baden, um in der Schulklasse der Urlaubsbekanntschaft als Zeitzeugin zu sprechen.

Sie merkt: Sie kann erzählen – und sie will es auch. Jedes Jahr fährt sie fortan in den Süden, um in Schulklassen zu sprechen. Im August 2005 stellt sie sich aus Anlass der langen Nacht der Museen einem Zeitzeugengespräch im Heimatmuseum Reinickendorf. Erste Besuche in Reinickendorfer Schulen folgen. Eine Idee entsteht: Warum nicht ein Buch schreiben über ein jüdisches Schicksal, das stellvertretend steht für tausende andere? Die Idee, vom Heimatmuseum an sie herangetragen, begeistert Ruth Winkelmann.

Es wird ein Gemeinschaftsprojekt: Acht Mal sitzt sie in den kommenden Monaten mit Claudia Johanna Bauer, die im Heimatmuseum Reinickendorf die Erinnerungswerkstatt leitet, auf ihrer Terrasse in Waidmannslust zusammen, viele Stunden tauchen sie ein in die Vergangenheit. Ruth Winkelmann erzählt ihre Geschichte, Claudia Johanna Bauer übernimmt die Schriftform. Anfang 2011 erscheint das Buch „Plötzlich hieß ich Sara. Erinnerungen einer jüdischen Berlinerin 1933–1945.“ Es erzählt eindringlich, aber schnörkellos, aus der Perspektive des Kindes, der Jugendlichen Ruth Jacks.

Das Mädchen kennt die Angst, die immer da ist, die in jeden Winkel der Seele kriecht und jede Minute des Tages überschattet: die Angst, entdeckt zu werden, verraten, verhaftet und deportiert; die Angst im Luftschutzbunker, den Bombenangriff nicht zu überleben; die Angst vor weiteren Drangsalierungen, Schikanen, Drohungen; die Angst, noch einen geliebten Menschen zu verlieren. Sie hat erleben müssen, wie ihre Familie zerbrach: Wer von den Verwandten es schaffte, verließ Deutschland nach der Machtübernahme Hitlers. Wer blieb, wurde von den Nationalsozialisten zerstört. Die Großeltern verloren ihr Geschäft, ihr Haus, ihren Besitz. Die Ehe der Eltern wurde geschieden, in der Hoffnung, die Kinder dadurch „arisieren“ lassen zu können, hatten die Eltern die Trennung selbst beantragt. Ohne Erfolg: Die Familie war zerrissen, doch am Status der Töchter änderte sich nichts. Einer nach dem anderen der großen jüdischen Verwandtschaft verschwand: als Erster ihr Cousin Egon im Herbst 1941, 1942 die Großeltern, im Februar 1943 schließlich der Vater.

Ruth Winkelmann kennt die Enge des Verstecks, die Entbehrungen, den Hunger, die Kälte. Sie kennt aber auch das Glück. Es ist ihr Glück, dass der freundliche Leo Lindenberg, Krankenkassenmitarbeiter und NSDAP-Mitglied, Ruths Mutter seine Laube als Versteck anbot, als er an die Front eingezogen wurde. Immer wieder ist Ruth den Razzien der Gestapo entkommen: in der Wohnung an der Pappelallee und in der Uniformfabrik in Friedrichshain, wo sie Zwangsarbeit leisten musste. Immer wieder hatte sie Glück, riesengroßes Glück. Was sie wusste damals? „Einiges“ sagt sie und blickt nachdenklich, „aber dass tatsächlich Menschen ermordet wurden, dass hielt selbst ich als Betroffene für Propaganda.“

Am 8. Mai 1945 beginnt das Leben für Ruth Jacks von Neuem. Ein Leben in Freiheit, in Frieden, ohne sich verstecken zu müssen, ohne Angst vor der Deportation, ohne Sirenen, die schrill in die Nacht kreischen und vor neuen Bomben warnen. Aber sie hat gemischte Gefühle. Sie ist 16 Jahre alt. Es ist auch ihr Heimatland, das in Trümmern liegt, zerbombt, zerstört, vernichtet. „Ich bin nun mal ein Mischling, entsprechend gemischt waren meine Gefühle“, schreibt sie.

Für die Schrecken der Vergangenheit ist kein Platz in dem Leben, in das sie sich stürzt. Sie und die Mutter bekommen eine Dreizimmerwohnung in Waidmannslust zugewiesen, in der zuvor ein hoher NSDAP-Funktionär gewohnt hatte. Als Verfolgte des NS-Regimes ist Ruth privilegiert – sie bekommt die Lebensmittelkarte 1, die auch an Schwerarbeiter ausgegeben wird. Doch ihr größter Wunsch wird ihr verwehrt: Sie will wieder zur Schule gehen, wenigstens den Volksschulabschluss nachholen; ihre Schulzeit war am 30. Juni 1942 nach nur sechs Jahren zu Ende, als die Nationalsozialisten alle jüdischen Schulen auflösen ließen. Aber die Schulbehörde lehnt ab – mit 16 Jahren ist sie zu alt, um in eine der regulären Volksschulen aufgenommen zu werden. Im Juli 1945 beginnt sie eine Lehre zur Maßschneiderin, geht im Anschluss als Zuschneiderin in die Konfektion. 1947 heiratet ihre Mutter Leo Lindenberg, den Mann, in dessen Laube sich Mutter und Töchter zwei Jahre lang versteckt hatten. „Ich weiß nicht, ob da wirklich Liebe im Spiel war“, sagt Ruth Winkelmann. „Es war wohl vor allem aus Dankbarkeit.“

Ruth Jacks weiß längst ganz genau, was sie will. Als sie Karl-Heinz Winkelmann kennenlernt und er um ihre Hand anhält, stellt sie eine Bedingung: Sie will arbeiten, sonst wird es nichts mit der Hochzeit. Zu jener Zeit dürfen Frauen nur mit Erlaubnis ihres Gatten berufstätig sein. Die Unabhängigkeit, die Freiheit: Sie ist Ruths wichtigstes Gut. Er willigt ein, 1949 wird geheiratet.

Glückliche Jahre folgen. Die Ehepartner arbeiten viel, bauen ihr gemeinsames Leben auf. 1960 kaufen sie ein Reihenhaus in Waidmannslust, 1965 wird ihr Sohn geboren, Jahre später werden drei Enkel folgen. Ihre Leidenschaft wird das Reisen. Mit dem Wohnmobil erkunden sie Land um Land, die Wände ihres Hauses zeugen von ihrer Entdeckerlust: Dicht an dicht hängen die Fotos, aus Schweden, Norwegen, Island, von den kanarischen Inseln, aus Israel. Im Wohnzimmer hängen die zehn Gebote, geschrieben auf Hebräisch, gedruckt auf Papyrus, ein Souvenir aus Ägypten. „Wir haben uns der Welt zugewandt“, sagt Ruth Winkelmann. Ihre Leidenschaft durch die Welt zu reisen bleibt auch, als ihr Mann 1995 an Krebs stirbt.

Die Erinnerungen an die dunkle Zeit bleiben all die Jahre unangetastet, fest verschlossen, tief unten in der Seele. Doch die Vergangenheit ist immer präsent. Die Mutter kann das Geschehene nicht verwinden, sich nur schwer in der neuen Ehe arrangieren. Mutter und Schwiegersohn setzen sich zusammen, bringen die wichtigsten Daten der Familiengeschichte zu Papier. Ohne Ruth, die von alledem nichts wissen will, die weiter abblockt.

Nur zwei Mal in 57 Jahren spricht sie über das Gewesene. Zum ersten Mal 1977, ihr Sohn ist zwölf Jahre und soll ein Referat in der Schule halten. Sie erkennt: Er weiß nichts von alledem. Schweren Herzens erzählt sie ihm die Geschichte seiner Familie. Aber es ist eine Qual für sie. Wieder vergehen Jahre, wieder ist es die Schule, die den Anstoß gibt. In der Klasse ihrer Enkelin stellt sie sich den Fragen der Schüler. Es fühlt sich seltsam an.

Die Begegnung mit der Fremden in Danzig verändert alles. Jetzt kann Ruth Winkelmann wieder spüren. Je häufiger sie spricht, desto größer wird ihre Kraft. „Ich habe so vieles erfahren, was ich vorher nicht wusste“, sagt sie. 2010 werden in Hohen Neuendorf Stolpersteine gelegt, zwei für ihre Großeltern, einer für ihren Vater.

Im Juni 2011 bricht sie mit ihrem Lebensgefährten auf zur vielleicht wichtigsten Reise ihres Lebens. Gemeinsam mit einer Gruppe Schüler des Marie-Curie-Gymnasiums in Reinickendorf und Mitgliedern des Geschichtskreises Hohen Neuendorf fahren sie nach Auschwitz. Vor dem Besuch teilt sie die Daten, die ihr bekannt sind, der Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz mit, diese gibt sie weiter an das Archiv der Gedenkstätte. Im Archiv liest Ruth Winkelmann die Akten, Dokumente der Vernichtung ihrer Familie. Bis zu dieser Reise glaubte sie, ihr Vater sei im Juli 1943 im Auschwitz-Nebenlager Monowitz gestorben, nachdem er von einem SS-Aufseher von einem Baugerüst gestoßen worden war. Erst jetzt erfährt sie die Wahrheit: Ihr Vater starb erst im Januar 1944, in den Gaskammern von Auschwitz.

Auf den Besuch in Auschwitz folgt ein tiefes Loch. Ruth Winkelmann wird hinabgerissen, stürzt hinein in die Tiefen ihrer Vergangenheit. „Vier Wochen lang hatte ich schwere Depressionen. Aber seitdem geht es mir besser“, sagt sie. „Ich hätte das schon viel früher machen sollen.“

Die Tür zu ihren Erinnerungen steht jetzt weit offen. Im Frühjahr 2012 liegt sie im Krankenhaus, sie bekommt eine neue Hüfte. Unter den Zimmernachbarinnen verteilt sie ihr Buch, sie ist stolz darauf, endlich Worte zu haben für das, was sie fest verschlossen hielt.

Am Esstisch ihres Hauses in Waidmannslust klappt sie die beiden stoffbezogenen braunen Mappen auf, holt die Dokumente aus den Hüllen, die sie im Mai 1945 aus dem Schutt zog: Fotos, Schulzeugnisse, Vorladungen der Gestapo, Lebensmittelmarken, Postkarten. Alles hat überdauert, konserviert zwischen den festen Deckeln. Nicht einmal die Tinte ist verblasst. Das Schicksal einer Familie, aufgefächert auf der Tischdecke, zwischen Kaffeetassen und Plätzchen.

Sie reicht eine Postkarte, abgestempelt am 5. Juni 1943, geschrieben vom Vater aus Monowitz, dem Auschwitz-Nebenlager, in das ihn die Nazis 1943 verschleppten. Adressiert an „Frl. Ruth + Esther Jacks“. Er schreibt: „Meine Lieben! Mir geht es gut, wie geht es euch? Euer Paket mit Brot, Kuchen + Tabak habe ich mit bestem Dank erhalten und habe mich sehr dazu gefreut. Sonst nichts Neues. Herzliche Gratulation für Eure Mutti. Viele Grüße und Küsse, Euer Vater.“

Auf der Terrasse zwitschern die Vögel, bunt blühen die Blumen, ein Buntspecht fliegt vorbei. In der Hand hält man das letzte Lebenszeichen, das Ruth Winkelmann von ihrem Vater geblieben ist. Wieder sucht die 83-Jährige den Blick ihres Gegenübers, hält ihn lange fest, es liegt Trauer darin, doch keine Bitterkeit. Sie hat jetzt die Kraft, andere spüren zu lassen.

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