Politik : Lasset die Dackel zu mir kommen!

Anfang Oktober werden in den USA traditionell die Tiere gesegnet – fast alle christlichen Gemeinschaften beteiligen sich daran.

Lautes Gehechel begleitet die Zeremonie. Unter einem weißen Baldachin spricht Pfarrerin Mary Sulerud im Wechsel mit der Gemeinde ein Gebet. „Wir beichten, dass wir Tiere verletzten, um unseren Hunger zu befriedigen, dass wir unsere Haustiere im Stich ließen und sie aus Ignoranz oder Wut verletzten.“ – „Vergib’ uns, Herr.“ Es folgt eine Schweigeminute, um all der Tiere zu gedenken, „die wir geliebt haben und die uns liebten und die im vergangenen Jahr gestorben sind“.

Dann nehmen die Pfarrerin Sulerud und der Vikar David Crosby den Zweig eines Buchsbaumes, tauchen ihn in Weihwasser und gehen damit von Tier zu Tier, um ein jedes zu segnen und ihm ein Kreuz auf den Kopf zu machen. Hamster werden aus den Käfigen geholt, sogar eine Schlange ist dabei. Carol Chrossmire ist mit ihren drei kleinen Hunden gekommen, sie heißen Faith, Roxy und Lexie. Lexie ist erst elf Wochen alt. Für Carol Chrossmire ist es eine „wunderbare Gelegenheit“, ihren drei Lieblingen den Segen Gottes mit auf den Weg zu geben.

Einmal im Jahr, traditionell am ersten Sonntag im Oktober, werden in ganz Amerika die Tiere gesegnet. In ländlichen Gegenden machen auch Pferde, Schweine und Kühe mit. Fast alle christlichen Glaubensgemeinschaften beteiligen sich daran. Sie tun das im Gedenken an den Heiligen Franz von Assisi, den Schutzpatron der Tiere, der am 3. Oktober 1226 im Kloster „Portiuncula“ gestorben war. Franz von Assisi fühlte sich allen Geschöpfen geschwisterlich verbunden. Er predigte zu den Vögeln, redete mit „Bruder Wolf“, hob Würmer vom Gehweg auf, damit sie nicht zertreten werden. In Erinnerung daran gilt der 4. Oktober seit 1931 als Welttierschutztag.

Die „Immanuel Church on the Hill“ in Alexandria im US-Bundesstaat Virginia hat die Veranstaltung in diesem Jahr aus Termingründen vorgezogen. Denn am kommenden Sonntag, dem 7. Oktober, ist großer Kürbistag für Kinder. Beides auf einmal: Das wäre zu viel gewesen. Die Gemeinde gehört zur amerikanischen Episkopalkirche, die in Liturgie und Lehre eine Art Mischform aus katholischer und evangelischer Tradition befolgt. Frauen werden ordiniert, in der „Immanuel Church on the Hill“ dürfen alle Gottesdienstbesucher – auch nicht Getaufte und nicht Konfirmierte – am Abendmahl teilnehmen.

Pfarrerin Sulerud segnet Tiere seit mehr als zwei Jahrzehnten. Doch die Tradition, sagt sie, ist noch viel älter. „Wenige Menschen lieben uns so sehr, wie uns unsere Tiere lieben“, sagt sie. Auch Gott habe am fünften Schöpfungstag die Tiere gesegnet und sie später vor der Sintflut gerettet, gemeinsam mit Noah und seiner Familie. Bei Mary Suleruds eigenem Hund war im vergangenen Juli Krebs diagnostiziert worden. „Es geht ihm jetzt besser, der Segen wird ihm zusätzlich guttun.“

Etwa 50 Haustiere, die meisten davon Hunde, sind an diesem Sonntag von ihren Besitzern vor die „Immanuel Church“ zu der etwa halbstündigen Segnungsfeier gebracht worden. Ein Grußwort spricht Autumn Vigil vom lokalen Tierschutzverein. „Viele Menschen betrachten diese Tiere als ihre Kinder“, sagt sie. Die Segnung gebe ihnen inneren Frieden. 16 Jahre lang hat die Tierschützerin Autumn Vigil als Veterinär-Krankenschwester gearbeitet. Nun organisiert sie den großen „annual dog walk“, der in drei Wochen über die Bühne gehen wird. Dabei sollen Spenden gesammelt werden für das Tierheim.

„Gottes Liebe erfahren wir auch durch die Tiere, die mit uns leben“, sagt Pfarrerin Sulerud. Über einen Mangel an Arbeit in dieser Zeit kann sie sich wirklich nicht beklagen. Am kommenden Sonntag findet die zentrale Tiersegnungszeremonie in der „National Cathedral“ in Washington D.C. statt. Dort soll Mary Sulerud helfen. Doch in der „Immanuel Church“ warten Kinder und Kürbisse auf sie. Die Entscheidung wird der Pfarrerin schwer fallen.

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