Politik : „Lasst euch nicht provozieren“

Die Opposition ist erstaunlich gut organisiert – sie hat zahlungskräftige und prominente Unterstützer

Thomas Roser[Kiew]

Die ehrwürdige Aula des Hauses der Ukraine hat sich über Nacht in ein improvisiertes Camp gewandelt. Während in dem früheren Lenin-Museum am Europa-Platz in Kiew noch manche Langschläfer auf den Pappmatratzen unter ihren Decken blinzeln, laden sich an der Essenausgabe unrasierte Männer und ungeschminkte Frauen munter schwatzend dicke Wurst- und Käsescheiben auf ihre Plastikteller. Von der Galerie des Oberrangs gibt ein dunkelhaariger Mittdreißiger per Megafon die Instruktionen für den Tag: „Seid friedlich und diszipliniert, lasst euch nicht provozieren!“

Die ersten drei Nächte habe er im Bus übernachtet, erst letzte Nacht habe sich die Opposition den wuchtigen Kuppelbau „angeeignet“, erzählt Iwan Maniecki. Aus dem westukrainischen Sambor ist der Ingenieur in die Hauptstadt gereist, um gegen das verfälschte Ergebnis der ukrainischen Präsidentenwahl zu protestieren. Auf 30 000 beziffert er die Zahl der Demonstranten, die sich mit ihm aus dem Bezirk Lemberg (Lwiw) nach Kiew aufgemacht haben. Oft hätten lokale Geschäftsleute die Kosten für die Busse übernommen. Verwunderlich ist der gute Organisationsgrad der Demonstranten seiner Ansicht nach kaum. Im Westen des Landes sei die Opposition traditionell sehr stark. „Uns gibt es schließlich nicht erst seit gestern, sondern seit 15 Jahren.“

Während der Staatsapparat erste Anzeichen der Erosion zeigt, ausländische Diplomaten am Donnerstag über zunehmende „Zerfallserscheinungen“ im Innen- und Außenministerium berichten, überrascht die Opposition durch ihr erstaunliches Durchhalte- und Organisationsvermögen. Von der Zeltstadt über die täglich perfekt inszenierte Polit- und Musikshow bei den Großdemonstrationen bis hin zu den fahrbaren Großbildschirmen, die überall im Zentrum das Programm des oppositionsnahen TV-Kanals 5 ausstrahlen: Die Protestmaschinerie der Opposition läuft auch am fünften Aktionstag wie geschmiert.

Außerdem kann Juschtschenko auch auf prominente Unterstützung setzen: Nach seiner Rede bei der Großdemonstration konnte er auf der Bühne Box-Profi Wladimir Klitschko sowie die Sängerin Ruslana begrüßen, die Siegerin des Grand Prix. Klitschko war eigens nach Kiew gekommen, um die Opposition zu unterstützen.

Beunruhigt sind einige Demonstranten nur durch ein Gerücht: So berichtet eine Oppositionszeitung von 800 angeblich eingeflogenen russischen Elitesoldaten. Angst habe er heute allenfalls vor ihnen, sagt der stellvertretende Betriebsleiter Andrij: „Diese Leute haben kein Gewissen.“ Ukrainische Soldaten würden nie auf Ukrainer schießen, sagt Stefan Savicki, der einst in Osnabrück auf dem Bau gejobbt hat: „Wir sind schon vier Tage hier, und nichts ist passiert: Wir sind einfach zu viele.“

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