Politik : Last des Beweises

Die USA rechtfertigen die Herausgabe der Fotos der Saddam-Söhne – Experten sehen die Genfer Konvention verletzt

Martin Gehlen

48 Stunden hatte die amerikanische Regierung gezögert. Dann fiel die Entscheidung. „Es werden Fotos veröffentlicht“, erklärte US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld gegenüber Journalisten, die vor dem Kongressgebäude auf ihn warteten. Es sei darum gegangen, der irakischen Öffentlichkeit deutlich zu machen, dass es mit dem Regime von Saddam Hussein endgültig vorbei sei, begründete Rumsfeld die Freigabe. Eines der dann herausgegebenen Bilder zeigt offenbar Udai, dessen Gesicht durch Verletzungen entstellt ist. Auf einem zweiten Bild ist wahrscheinlich Kusai zu sehen. Der Kopf liegt auf einem blutverschmierten weißen Tuch. Beide Leichen haben nackte Oberkörper.

Tags zuvor hatte Pentagon-Vize Paul Wolfowitz, der kurz vor dem Gefecht zwischen der US-Armee und den beiden in einer Villa verschanzten Saddam-Söhnen Udai und Kusai selbst in Mossul war, durchblicken lassen, man zögere mit der Veröffentlichung, weil die Fotos sehr schockierend seien. Andererseits „müssen wir letztlich sicherstellen, dass das irakische Volk uns glaubt“, sagte Wolfowitz auf einer Pressekonferenz nach seiner Rückkehr aus dem Irak. „Das Ausmaß von Paranoia und Verdächtigung im Land ist unglaublich.“ Insofern sei das Hauptargument für eine Veröffentlichung, „das Leben von amerikanischen Männern und Frauen zu retten, die vor Ort sind“. Wolfowitz zeigte sich überzeugt, dass ein Fotobeweis der getöteten Herrschersöhne zu einer Verbesserung der Sicherheitslage im Irak führen könnte. Ahmed Chalabi vom irakischen Verwaltungsrats pflichtete dem bei und sagte, es sei psychologisch wichtig, die irakische Bevölkerung davon zu überzeugen. „Diese Leute hatten eine Aura, dass sie unbesiegbar sind“, erklärte Chalabi, der sich zu Gesprächen am Sitz der Vereinten Nationen in New York aufhält.

Nach Auskunft des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) findet sich in der Genfer Konvention keine Bestimmung, die die Publikation solcher Fotos ausdrücklich verbietet. Allerdings fordere die Konvention an mehreren Stellen Respekt vor menschlichen Überresten. Grund sei die Würde des Verstorbenen sowie die Achtung vor den Gefühlen der Angehörigen, sagte IKRK-Sprecherin Nada Doumani, die sich derzeit in Bagdad aufhält, dem Tagesspiegel.

Ähnlich argumentiert Professor Michael Bothe von der Deutschen Gesellschaft für Völkerrecht. Nach seiner Einschätzung kann die Veröffentlichung der Leichenbilder gegen den allgemeinen Grundsatz der menschenwürdigen Behandlung verstoßen. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP sagte der Völkerrechtsexperte, der Grundsatz, wonach die Opfer bewaffneter Konflikte menschenwürdig zu behandeln sind, „gilt über den Tod hinaus“. Und er gelte auch dann, wenn die Getöteten einst folterten, mordeten und die Mitverantwortung für eine Gewaltherrschaft trugen. Von Gestorbenen und Gefallenen Fotos zu veröffentlichen, auf denen sie „identifizierbar“ sind, ist laut Bothe unzulässig, weil es gegen den Grundsatz der menschenwürdigen Behandlung verstößt.

Eine Vertreterin der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) sagte dem Tagesspiegel, AP sehe keinen Grund, die Leichenfotos nicht zu veröffentlichen. Die Agentur würde solche Bilder nur zurückhalten, wenn sie Privatpersonen zeigten. Während des Irak-Krieges hatte es eine intensive Diskussion darüber gegeben, ob Bilder von getöteten oder gefangenen Soldaten gezeigt werden dürften. Die USA hatten damals argumentiert, dies verstoße gegen die Genfer Konvention.

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