Politik : Last minute nach Kabul

Die Bundeswehr muss Transportmaschinen chartern – doch auch die anderen Nato-Staaten sind den USA technisch weit unterlegen

Thomas Gack[Brüssel]

Kaufen oder Leasen? Diese Frage, die scharf rechnende Unternehmer für ihren Fuhrpark je nach finanzieller Leistungsfähigkeit unterschiedlich beantworten, stellt sich für die Bundeswehr inzwischen nicht mehr. Sie muss Transportflugzeuge mieten, um Menschen und Material zu so entlegenen Orten wie Kabul, Kuwait oder Dschibuti bringen zu können. Bisher wurden allein für die Afghanistan-Truppe rund 160 Charterflüge notwendig – ein gutes Geschäft für die Besitzer der aus der Konkursmasse der Roten Armee stammenden Antonows. Doch nun drohen der Bundeswehr ernsthafte Schwierigkeiten: Bis Ende des Jahres, so weiß man im Brüsseler Nato-Hauptquartier, sind die Antonow-Großtransporter anderweitig ausgebucht und stehen nicht mehr zur Verfügung.

,,Es ist hoffnungslos. Was sollen wir machen? Den Zug oder den Bus nehmen?“, klagte Nato-Generalsekretär Lord Robertson kürzlich. Denn nicht nur die Bundeswehr hat ihre Probleme mit der strategischen Mobilität. Auch den Streitkräften der anderen europäischen Nato-Staaten fehlt Transportkapazität. Während die USA 340 Großraumtransporter besitzen, stehen gerade mal elf in den Hangars der Europäer. Und die etwa 200 bestellten Militärtransporter vom Typ A400M können erst von 2008 an ausgeliefert werden. Deutschland hat zur Überbrückung die Führung in einer Art Konsortium übernommen, das bis zur Einführung des A400M 20 Großraumtransporter leasen will.

Die Transportkapazitäten sind nur ein Problem. Der scheidende Nato-Oberbefehlshaber, US-General Joseph Ralston, warnt, dass ,,Nato-Streitkräfte immer weniger in der Lage sein werden, bei künftigen gemeinsamen Operationen zusammenzuarbeiten". Inzwischen, so Ralston, seien die USA den Europäern technisch und militärstrategisch so weit voraus, dass beide Seiten in unterschiedlichen Welten lebten.

Beim Nato-Gipfel in Prag verpflichteten sich die Europäer nun durch das ,,Prague Capabilities Committment“ (PCC), alles zu tun, um die Kluft zu den USA zu schließen. Um zumindest wieder miteinander kommunizieren zu können, wollen sie vordringlich ihre Führungs- und Kommunikationssysteme modernisieren. Die weiteren Bereiche des PCC–Nachrüstungsprogramms sind: die strategische Aufklärung mit Satelliten, die Unterdrückung der gegnerischen Luftabwehr, die Unterstützung der Bodentruppen aus der Luft, die Ausrüstung mit Präzisionswaffen und ,,intelligenter Munition“ und – angesichts der terroristischen Bedrohung besonders wichtig – die Abwehr von biologischen und chemischen Kampfstoffen.

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