Politik : Lauter Helden

Die irakische Propaganda scheint zu funktionieren – über eigene Verluste erfahren die Menschen so gut wie nichts

Asne Seierstad[Bagdad]

Alis Blick ist versteinert. „Mein bester Freund kam gestern von der Front in Nadschaf nach Hause. Tot." Kadim war Kommandant einer Abteilung an der Nadschaf-Front, etwa 200 Kilometer südlich von Bagdad. Wie sein Freund gestorben ist, weiß Ali nicht. Kadims Leiche wurde zu seiner Familie gebracht. Er hinterlässt Frau und drei kleine Kinder. Kadim wird in keiner Statistik über Gefallene auftauchen. Solche offiziellen Angaben gab es im Irak im Golfkrieg 1991 nicht – und es gibt sie auch jetzt nicht.

Berichtet wird nur über Siege. „Die Iraker setzen ihren heroischen heiligen Krieg gegen die Invasionstruppen fort", schreibt „Al-Thawra“ („Die Revolution“), eine der größten Zeitungen in Bagdad, die von der regierenden Baath-Partei herausgegeben wird. Die Meldungen, dass die Iraker die alliierten Truppen angeblich zurückwerfen und ihnen große Verluste zufügen, sind mit Details gespickt. „Die feindlichen Truppen stehen unter Schock und befinden sich im Chaos, dank des kühnen Widerstands unserer Soldaten", heißt es. Kein Wort von den 1000 getöteten irakischen Soldaten, die die Amerikaner in der Schlacht um Nadschaf meldeten.

Die Alliierten haben versucht, die irakischen Fernsehsendungen zu unterbrechen. Doch dies gelang ihnen nur für ein paar Stunden. Jeden Tag ist Präsident Saddam Hussein auf dem Bildschirm zu sehen, berichtet von harten Kämpfen und überträgt jedem Einzelnen die Verantwortung, das Land zu verteidigen. „Wartet nicht auf irgendein Kommando, ergreift selbst die Initiative, wenn ihr angegriffen werdet oder wenn der Feind sich nähert", sagt der Diktator. Und die Zeitungen sind voll mit Geschichten über Heldentaten: Bauern, die Hubschrauber abgeschossen haben, Parteimitglieder, die ganze Bataillone in Kämpfe verwickeln, freiwillige Milizen, die Panzer zerstört haben.

Die Propaganda funktioniert. „Ich werde bis zum letzten Blutstropfen kämpfen, wenn die Amerikaner kommen“, sagt Udai, der in Bagdad Blöcke und Stifte verkauft. „Sie haben gesagt, dass sie nur militärische Ziele angreifen würden. Seit wann sind schwangere Frauen militärische Ziele?" Udai ist noch immer wütend über den angeblichen Angriff auf den Markplatz. „Wenn sie kommen, werden selbst kleine Kinder kämpfen. Wir werden es nie zulassen, dass die Amerikaner Bagdad einnehmen, die Wiege der Zivilisation. Sie greifen unsere Werte und unsere Ehre an. Ist das nicht genug, um uns alle zu Märtyrern zu machen?"

„Kadim ist bereits ein Märtyrer“, sagt Ali über seinen toten Freund. „Ich werde vielleicht der nächste, falls die Amerikaner hierher kommen.“

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