Politik : Leben auf dem Traktor

CAROLINE FETSCHER

TIRANA .Seit Wochen erscheinen entlegene Ortschaften im Norden Albaniens unter dem Vergrößerungsglas der Weltöffentlichkeit.Vor Ort ist dessen Linse naturgemäß noch stärker.Scharmützel an der albanischen Grenze werden zur Hauptnachricht, Oppositionspolitiker wie Sali Berisha haben bereits mehrfach erklärt, Albaniens Regierung ignoriere den "Kriegszustand" in dem sich das Land befinde.

Sorgen macht sich derzeit der Distrikt-Gouverneur von Kukes, Shefqet Bruka.Schon seit Tagen hält er die Lage in der Grenzregion für so bedrohlich, daß er nicht nur die Evakuierung der Flüchtlingslager, sondern sogar die Evakuierung des Ortes Kukes selbst empfiehlt.

"Unsere 84 000 Einwohner sind allesamt von serbischer Artillerie bedroht, die im Kosovo stationiert ist", erklärt Bruka, der seinen Distrikt zum Notstandsgebiet ernennen lassen will."Wir hatten bisher keine Zeit, uns um unsere eigene Sicherheit zu kümmern" fügt er hinzu, "wir waren viel zu beschäftigt mit den Flüchtlingen".

110 000 Flüchtlinge sollen es noch sein, die jetzt den Distrikt Kukas mitbevölkern, und auch wenn am Mittwoch nur 133 Menschen die Flucht über die Grenze bei Morina gelang.Mit Hilfe von NATO-Helikoptern sollen die Flüchtlinge ausgeflogen werden - viele wollen bleiben.

"Zwingen können wir diese Menschen nicht", meinte Musa Ulqini, Informationsminister der albanische Regierung am Donnerstag in Tirana."Gegen deportierte und traumatisierte Menschen gehen wir nicht mit Gewalt vor." Die Hartnäckigsten unter den Verweilenden sind große Bauernfamilien, die ihre Traktoren nicht verlassen wollen.Sie campieren auf überdachten Anhängern, nutzen den Fahrersitz als Sessel, das "Auto"-Radio als Informationsquelle.Nach Haus und Hof wollen sie nicht auch noch ihre Traktoren verlieren.

Bei aller Bereitschaft, die seelische Notlage der Vertriebenen zu erkennen, sind Hilfsorganisationen offenbar in einem steten Dilemma: Sollen sie den in Kukes Verharrenden gute Versorgung zukommen lassen und ihre Lage entschäfren, oder sie zum Weiterziehen bringen, indem sie nur minimale Versorgung anbieten? Öffentlich erörtert niemand das Thema, privat geben so manche Helfer diese Strategie zu.Während winzige Dörfer in der Grenzregion bereits evakuiert werden und hier nur noch ein paar uralte Einwohner sowie die Kämpfer der UCK leben, hält sich auch das Gerücht, die Region solle sowenig Zivilisten wie möglich beherbergen, damit Bodentruppen von hier aus gefahrloser operieren können.

Besonders diskret verfahren auch die Vertreter des internationalen Menschenrechts-Tribunals aus Den Haag, die sich am Donnerstag in Tirana erstmals der Presse stellten.Jim Landale vertrat den Gerichtshof bei einer Fragestunde vor der Presse, wollte aber weder die Anzahl seiner Ermittler preisgeben, noch auf die Frage eingehen, ob es gegen Slobodan Milosevic bereits eine nichtöffentliche Anklage gebe."Wir sammeln soviele Fakten wie möglich", erklärte Landale, "und haben bereits eine enorme Menge an Material."

Schwierig scheint es, die Befragten, die ständig weiterziehen, im Auge zu behalten.Um Dauerunterkünfte bemühen sich indes immer mehr Hilfsorganisationen - mit ihnen drängen auch Geschäftemacher ins Land.Eine saudische Firma beispielsweise bietet Fertighäuser aus südostasiatischen Holz an: 23 Quadratmeter Wohnfläche für acht Personen, ein Fenster, keine Küche, kein Bad, keine Toilette."Rabbit-Houses", Kaninchen-Häuser, nennt der deutsche Firmenvertreter Christian Franzelin diese Unterkünfte, in denen wohl so mancher Flüchting die nächsten Jahre verbringen wird.

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