Politik : Leben auf dem Vulkan

Von Bas Kast

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Es ist eine Katastrophe biblischen Ausmaßes. Millionen Menschen haben ihr Zuhause verloren. Die Zahl der Todesopfer wird auf über 24000 geschätzt. Schiffe sind umgekippt wie Papierboote. Strände, Restaurants, Autos wurden weggespült. Die Malediven versanken für Minuten sogar vollständig in den Fluten. Tausende Kilometer weit, bis nach Somalia in Afrika drangen die Monsterwellen vor – und forderten selbst da Menschenleben. Mittlerweile hat sich die Flut vielerorts zurückgezogen. Was bleibt, sind Trümmer und Trauer.

Was auch bleibt, ist das nagende Gefühl der Hilflosigkeit. Wir sehen auf eine Verwüstung, der wir nicht nur weitgehend machtlos ausgeliefert sind. Es lässt sich in dem ganzen Unglück auch kein Schuldiger erkennen, der sich dingfest machen ließe. In Roland Emmerichs HollywoodFilm „The Day After Tomorrow“ oder in Frank Schätzings derzeitigem Bestseller-Roman „Der Schwarm“ sind wir es selbst, die die Katastrophe heraufbeschwören. Darin steckt, bei allem Leid, auch ein beruhigendes Moment: Wenn wir die Schuldigen sind, dann können wir etwas gegen das Leid tun. Wir können die Katastrophe aufhalten.

Die Ursache der Tragödie jedoch, die wir gerade in der Wirklichkeit erleben, ist nicht aus Fleisch und Blut, sondern es sind zwei Erdplatten, die gegeneinander reiben. In den zahllosen Trümmern wird sich kein Flugschreiber finden lassen, den wir auswerten können und der uns Aufschluss gibt über ein kaputtes Kabel oder menschliches Versagen. Unsere Suche nach einem „Sinn“ wird vergeblich bleiben, weil dieser nicht existiert.

Dennoch, auch wenn es keinen Schuldigen gibt, wir Menschen sind doch ein Teil dieser Katastrophe. Wir haben fast alle Regionen des Planeten besiedelt, einschließlich solcher, in denen, wenn auch seltene, so doch große Gefahren auf uns lauern. Ja, oft sind gerade die risikoreichen Zonen diejenigen, die unser Überleben sichern: Küstenregionen als Orte von Fischerei, Häfen und Tourismus sind da nur ein Beispiel. Seit jeher hat die Menschheit Vulkangebiete bevölkert – der Boden ist hier besonders fruchtbar. Wir kennen das Risiko. Wir wissen Bescheid über Pompeji. Wir wissen, dass es im Vesuv noch heute brodelt. Der Vulkan bei Neapel wird irgendwann wieder ausbrechen. Irgendwann, aber hoffentlich nicht morgen.

Wir leben auf einer zerbrechlichen Kruste. Absolute Sicherheit gibt es nirgends. Aber, auch das zeigt das Desaster: Es macht einen Unterschied, ob eine Flut Sri Lanka trifft oder ob ein Hurrikan Florida heimsucht. Ein Erdbeben in Iran ist etwas anderes als eines in Kalifornien. Ein Tsunami-Frühwarnsystem hätte, so sagen Experten, zahlreiche Leben retten können. Im Pazifik gibt es solche Systeme, im Indischen Ozean nicht. Und wir in der westlichen Welt können uns nicht nur besser warnen, sondern auch besser schützen, unsere Dämme und Gebäude sicherer bauen, medizinisch effektiver eingreifen. Wir können uns gegen Katastrophen versichern und uns diesen Gefahren sogar, bis zu einem gewissen Grad, entziehen. Der Bauer in Bangladesch hat keine Zweitwohnung, in die er flüchten kann. Er hat, wenn er sein Heim verliert, nichts mehr.

Vor diesem Schicksalsschlag stehen in Sri Lanka, Indonesien, Indien, Thailand und den anderen betroffenen Ländern gerade Millionen von Menschen. Vielleicht lässt das Unglück die Staaten näher zusammenrücken. Doch die Hilfe der Nachbarn wird nicht reichen. Die Globalisierung bringt auch fernes Leid nah. Zu uns.

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