Politik : Leben im Abendkleid Kostbarster Wein und eine Geige

Carola Stern

Von Kurt Maetzig April 1945 in Werder an der Havel. 40 Jagdflugzeuge versenkten unser Segelboot mit Bootsschuppen, aber eigentlich meinten sie den Militärflugplatz nebenan. Auch im Zaun des Lagers für sowjetische Kriegsgefangene war plötzlich ein Loch. Ich hatte mir in Erwartung des Kriegsendes ein Lehrbuch für Russisch gekauft und schon mal hineingeguckt. Nun ging ich öfter zum Loch und erklärte den gefangenen Russen, dass ihre Armee schon den Autobahnring eingenommen hat. Dann bekam ich eine Vorladung zur Gestapo nach Berlin, Oranienburger Straße. Jetzt noch, Ende April? Wegen des Lochs? Ich hatte Angst.Vor einem Jahr hatte sich meine jüdische Mutter auf der Flucht vor der Gestapo das Leben genommen und eben hatte ich erfahren, dass meine Schwester mit ihren beiden kleinen Söhnen von Bomben erschlagen wurde.

Ich war vor den Bomben auf Berlin nach Werder ausgewichen. Mein kleines fotochemisches Fotolabor galt als „kriegswichtig“, darum war ich noch immer Zivilist. In der Nacht vor meinem Gestapo-Termin klopfte es an der Tür. Ein deutscher Soldat vom Fliegerhorst stand draußen. Im Auftrag des Kommandeurs, sagte er. Die Gestapo sei bei ihnen gewesen und habe alle verhört, ob sie mich kennen. Erst die russischen Gefangenen, dann die Offiziere des Fliegerhorsts. Nie gesehen, antworteten alle, Deutsche und Russen. Und außerdem könne kein Zivilist auch nur in die Nähe des Lagers kommen. Der Hausmeister des Fliegerhorsts hatte mich verpfiffen. Ich war stumm vor Überraschung. Sollte es auch unter deutschen Offizieren Antifaschisten geben?

Am nächsten Tag bei der Gestapo erklärte ich, niemals auch nur in der Nähe des Zauns gewesen zu sein und gab mit meiner kriegswichtigen Forschungsarbeit an.

Ich ermannte mich zu einem Seid- ihr- denn-völlig-übergeschnappt-Ton und konnte es dennoch nicht glauben, als ich wieder auf der Straße stand. Die Gestapo hatte mich nach Hause geschickt! Ich habe den Kommandanten, der mich rettete, nie gesehen.

Wenig später, in den allerletzten Kriegstagen brachen russische Gefangene aus dem Lager aus. Sie hatten Angst, jetzt noch erschossen zu werden. Der Lagerkoch, im Zivilberuf Ingenieur, rettete sich zu mir. Ich betrieb das kleine Labor zusammen mit Marion Keller. Es hatte nur zwei Räume. Nach vorn, zur Straße, war der Laborraum, wo auch unser Bett stand, hinten war eine kleine Küche mit Fussboden-Luke. Die führte in einen winzigen Keller, in dem man nicht einmal aufrecht stehen konnte. In diesem Loch versteckten wir den Russen. Dann kam der Volkssturm und requirierte mein Labor als Schreibstube. Hinten war der Russe, vorn war der Volkssturm. Zwischen Russen und Volkssturm lagen ganze vier Meter. Außerdem traf ich Janek öfter. Janek war Pole und Chef der illegalen Organisation der „Fremdarbeiter“ hier. Janeks Untergrundorganisation war auf uns aufmerksam geworden, weil die SS genau vor unserem Labor einen französischen Fremdarbeiter niedergeschlagen hatte. Die SS ging weiter, der Franzose blieb liegen. Also holten wir ihn rein und pflegten ihn gesund.

Leider kam der Volkssturm in meinem Labor auf die Idee, auch mich zum allerletzten Aufgebot einzuziehen. Forschen konnte ich ja ohnehin nicht mehr, solange sie mein Labor als Musterungsstube nutzten. „Gesund?“, fragte der Hauptmann rein rhetorisch. Ich antwortete: „Absolut, nur zeitweilig blind.“

Der Feldwebel blickte mich fragend an, und ich erklärte ihm, dass diese Blindheit von meiner kriegswichtigen Arbeit mit gefährlichen Substanzen komme. Aber das sei nicht weiter schlimm, denn ein paar Tagen könne ich immer wieder sehen. Eine klarsichtige Antwort, wie ich fand, überhaupt sah ich ganz ausgezeichnet.

In der nächsten Nacht marschierten wir los. Das allerallerletzte Aufgebot. Ohne Uniformen. Ohne Ausrüstung. Man gab uns ein paar Panzerfäuste, mit denen sollten wir die Russen in die Flucht schlagen. Eine zweite Kolonne sollte inzwischen eine Panzersperre bauen und Werder in Richtung Potsdam verteidigen.

Da ich nicht die Absicht hatte, mich an diesem Wahnsinn zu beteiligen, ging ich nur so lange mit, bis die Kolonne vor einer Scheune nach rechts schwenkte. Ich lief als Einziger geradeaus, bis ich an die Scheune stiess. Da rief ich die Kameraden: „Ich kann nicht mehr sehen, ich bin blind!“ Der Feldwebel ließ mich nach Hause führen.

Natürlich wusste ich, dass Deserteure kurzerhand erschossen wurden. Trupps gingen durch Häuser und Höfe, um nach Versteckten zu suchen. Deshalb stellte ich einen Stuhl neben unserem Labor auf die Strasse und nahm Platz, dunkel gekleidet und mit Sonnenbrille. Ich blieb bei dem warmen Frühjahrswetter für alle sichtbar dort bis kurz vor der Befreiung sitzen.

Der Pole Janek kam immer wieder vorbei, mal mit einem Handwagen, mal als Installateur mit Werkzeugen. Wir besprachen sekundenschnell das Wichtigste. Die Zwangsarbeiter nahmen Kontakt zu den kriegsgefangenen Russen auf und plötzlich klebten an den Strassenbäumen Zettel, auf denen stand, dass die sowjetischen Truppen am nächsten Morgen in Werder einrücken würden. Die Bevölkerung solle in ihren Häusern bleiben. Aber die Zwangsarbeiter gingen schon mal los. Franzosen, Holländer, Polen kamen in unser Labor. Und der russische Koch kam aus dem Kellerloch.

Plötzlich ertönte ein leises, und dann anschwellendes Dröhnen von Panzerketten. Und im selben Augenblick hörten wir das Rufen und Kreischen vieler Frauenstimmen. Es waren die russischen Zwangsarbeiterinnen, die im ehemaligen Tanzsaal auf der „Friedrichshöhe“ untergebracht waren. Sie rannten die lange Treppe den Berg herunter und rissen blühende Fliederzweige von den Büschen ab. Als die Panzer heran waren, warfen sie den Flieder vor ihnen nieder, winkten den auf den Panzern sitzenden Soldaten zu, schrien und weinten. Ich stand unter lauter Fremdarbeitern.

Am Abend kamen sie alle wieder zu uns, jeder hatte etwas zu essen mitgebracht. Ich wusste, dies ist der Augenblick, die Flasche Wein zu holen, die ich seit Mitte der Dreißiger bei jedem Umzug mitgeschleppt hatte. Es war ein 1933er Chateau d’Iquem und ich hatte mir vorgenommen, ihn erst zu öffnen, wenn das alles vorbei wäre. Es war wie ein Versprechen, das ich mir selbst gegeben hatte, bis zu diesem Tag durchzuhalten. Nun tranken wir ihn gemeinsam. Einer von den Fremdarbeitern, der Franzose Jules Marquette, der heute noch in Tourquoing lebt, schrieb in Marions Tagebuch: „Je n’oublierai jamais ce jour que j’ai passé en compagnie de mes meilleurs amis allemands. J’ai bien passé la soirée du bon vin 1933.“

Damit müsste die Geschichte enden. Aber sie kann es nicht, denn der Mai 1945 war nicht nur das Ende der Hitlerei, die so unendliches Leid über die Welt gebracht hatte, er war auch ein Anfang. Deshalb lesen Sie bitte noch diese paar Zeilen:

Gegen Ende des Krieges kam eine Violinvirtuosin nach Werder. Sie hatte in Berlin durch Bomben ihre Wohnung verloren, aber eine alte italienische Meistergeige gerettet. Sie wohnte nun bei unserem Nachbarn, einem Kohlenhändler, in der Bodenkammer. Der Kohlenhändler war ein grober, aber gutmütiger Kerl. Er hatte auch zwei polnische Zwangsarbeiter, behandelte sie gut und bildete sich ein, ihr Vertrauen zu besitzen. Vor dem Einmarsch der Russen befahl er den beiden, seine Jagdflinten im Misthaufen zu vergraben. Kaum waren die Russen da, zeigten seine beiden Polen ihnen den Misthaufen. Die Russen nahmen die Gewehre, hauten dem Kohlenhändler die Jacke voll und durchsuchten das Haus bis hinauf zur Bodenkammer. Die Geigerin war nicht da, aber ihre Geige. Also nahmen die Russen auch die Geige.

Die Geigerin weinte. Wir wollten helfen und ich erklärte alles Janek. Janek, eine Autorität unter den Zwangsarbeitern, nahm mich mit auf die „Friedrichshöhe“. In dem riesigen Tanzsaal hausten nun auf einer meterhohen Schicht von Gepäckstücken, Pappkartons, Geschirr und Nahrungsmitteln vielleicht tausend Polen. Es wird schwierig werden, hier die Geige zu finden, sagte Janek. Ich verstand, dass er mich nur hergebracht hatte, um seinen guten Willen zu beweisen. Ich nickte und ging nach Hause.

Am nächsten Tag kam die Geigerin mit einem schwarzen Geigenkasten. Janek hatte ihn ihr gebracht. Als sie den Kasten öffnete, sah sie gleich, dass es eine wertlose Schülergeige war. Aber sie war so bewegt, dass sie die Tränen nicht zurückhalten konnte. Plötzlich sahen wir auf der Strasse einen Trupp Soldaten und Arbeiter vorbeiziehen. Sie hatten offensichtlich getrunken, einer spielte auf einem Akkordeon, ein anderer fiedelte auf einer Geige. Die Violinistin schrie auf: „Das ist meine Geige!“ Ich nahm die Schülergeige, lief damit auf die Straße und rannte den Soldaten nach. Mit meinen paar Brocken Russisch versuchte ich, ihnen die Sache klar zu machen, aber sie scheuchten mich immer wieder weg. Da nahm ich die Geige aus dem Kasten, fuchtelte damit vor ihnen herum, zeigte auf ihre Geige, rief immer wieder „Artist! Artist!“. Schliesslich schienen sie mich zu verstehen und sagten: „Hol Artist!“ Ich brauchte sie nicht holen, sie war schon hinter mir. Dann sagte ein Russe: „Konzert!“ und gab ihr die Meistergeige in die Hand. Sie spielte. Die Soldaten wurden immer stiller und standen lange andächtig um sie herum. Ich habe dieses Geigenkonzert nie vergessen.

Kurt Maetzig, geboren 1911 als Sohn des Inhabers einer Filmkopierfabrik Robert Maetzig. Er studierte Chemie, machte eine Ingenieurausbildung und absolvierte eine Volks- und Betriebswirtschaftslehre in München, darunter ein Jahr Studium der Soziologie, Psychologie und Jura in Paris. 1934 untersagt ihm die Reichsfilmkammer wegen der jüdischen Abstammung seiner Mutter jegliche Arbeit beim Film. Beschäftigung mit Filmtechnik und Fotochemie in verschiedenen Berliner Betrieben, ein eigenes kleines Labor in Werder bei Berlin. 1944 in Berlin Eintritt in die illegale KPD. Einer der vier Lizenzträger der DEFA (Deutsche Film- Aktiengesellschaft), die am 17. Mai 1946 gegründet wird. Maetzig arbeitet als Regisseur, Rektor der Deutschen Hochschule für Filmkunst Potsdam- Babelsberg, Professor für Filmregie.

* * *

Für mich ist der 8. Mai ein Tag der Befreiung, ich bin allerdings gegen meinen Willen befreit worden. Ich war damals 19 Jahre alt und ein glühendes Hitlermädchen. Was wäre aus mir geworden? Eine Frau vielleicht, die den Judenmord verteidigt und frei ist von Mitleid und Mitgefühl.

Ich stand an jenem Tag mit meinem jüngeren Cousin auf dem Marktplatz in Wismar. Da marschierten Soldaten der Roten Armee und kanadische Soldaten zu einer Siegesparade, neben uns standen abgehärmte Männer in KZ-Kluft. Ich weiß nicht, wo sie herkamen.

Tage vorher waren wir in Usedom losgelaufen, in Ahlbeck, dort bin ich aufgewachsen. Wir hatten von der Nachbarinsel Wollin den Geschützdonner der Russen gehört und wussten: Wir müssen weg von denen, nach Westen! Auf der Landstraße riefen uns Leute zu, der Führer sei im Kampf ums Reich gefallen. Ich dachte gleich, das ist ein Märchen, der hat sich das Leben genommen und wir sitzen im Dreck. Mir ging durch den Kopf, der hat uns die Welt versprochen, ich wollte Farmerin in Deutsch-Südwestafrika werden, und jetzt macht sich Hitler vom Acker. So haben wir nicht gewettet!

In Rostock verloren wir unser ganzes Gepäck, am 2. Mai erreichten mein Cousin, meine Mutter und ich Wismar. Wir kamen im Heuboden einer Schweinemästerei unter, völlig verlaust und verdreckt. Die Kanadier hatten die Stadt unter Kontrolle, die Russen mussten außerhalb bleiben, so fühlten wir uns sicher. Sehr untypisch für den Kriegsverlauf war, dass die befreiten amerikanischen Kriegsgefangenen uns Angst machten: Sie kamen auf den Heuboden und vergewaltigten Frauen.

Nun war also der 8. Mai und Frieden. Ich wusste nicht, wie ich mir den vorstellen sollte. Irgendwie so: Ein Abendkleid, mit einem Fächer wedeln, und ein Verehrer dreht mich zu einem Walzer durch den Ballsaal. Das war für mich der Inbegriff von Frieden.

Carola Stern, geboren 1925, lebte sie bis 1951 in der DDR. Nach einem Studium der politischen Wissenschaften und der Soziologie an der Freien Universität Berlin arbeitete Sie als Verlagslektorin in Köln und von 1970 bis 1985 als Redakteuerin und Kommentatorin im WDR. Sie ist Mitbegründerin von Amnesty International.

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