Politik : Leben mit dem Lager

Wo soll der Atommüll hin? Die Experten wissen bislang nur, wo er nicht hin darf

Dagmar Dehmer

Irgendwo muss der Atommüll hin. Nur bitte nicht in unseren Vorgarten. So lässt sich eine Umfrage zusammenfassen, die der Arbeitskreis Endlager (AKEnd) vor einem Jahr in Auftrag gegeben hat. Am Wochenende hat das 16-köpfige Wissenschaftler-Gremium, das Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) 1999 berufen hat, in Berlin zum letzten Mal über seine Empfehlungen für die Suche nach einem Endlager für radioaktive Abfälle in Deutschland diskutiert. Zum Jahresende will der AKEnd seinen Schlussbericht vorlegen.

Die Wissenschaftler werden keinen Standort präsentieren, aber sie schließen einige Standorte von vornherein aus: Wo Vulkanausbrüche oder Erdbeben möglich sind, sollten die 24 000 Tonnen stark strahlenden und die weiteren 297 000 Tonnen schwach strahlenden Abfälle nicht gelagert werden. Dasselbe gilt für Gebiete, in denen eine langsame Bewegung der Erde stattfindet. Wenn sie sich nur um einen Millimeter im Jahr hebt, kämen die Atommüllbehälter nach einer Million Jahre wieder an die Erdoberfläche. Das wollen die Wissenschaftler lieber nicht riskieren. Übrig bleiben Standorte in Salz, Ton oder Granit.

Der AKEnd ist zwar frei in seinen Methoden, doch drei Vorgaben hat ihm der Umweltminister gemacht: Der Atommüll soll in Deutschland bleiben – ein Export nach Russland, wie ihn die DDR einmal vorsah, fällt flach. Der strahlende Abfall soll in einer „tiefen geologischen Formation“ gelagert werden – damit brauchte der AKEnd über Ideen, ihn in den Weltraum zu schießen oder im Meer zu vergraben, gar nicht nachzudenken. Und es soll nur ein Endlager für radioaktive Abfälle in Deutschland geben – die Vorstellung, dass Nord- und Süddeutschland die Lasten teilen, ist also auch gestorben.

Wie delikat die Aufgabe ist, lässt sich an Sätzen wie dem folgenden ablesen. Im Entwurf für den Abschlussbericht heißt es zum Thema tiefes, fest verschlossenes Endlager ohne Chance, den Müll zurückzuholen: „Die Prognose der längerfristigen gesellschaftlichen Entwicklung birgt erheblich größere Unsicherheiten als die Prognose der Funktionstüchtigkeit der geologischen Barriere.“ Das klingt abstrakt, bedeutet aber: Heute muss entschieden werden, wie der gefährliche Abfall für eine Million Jahre sicher aufbewahrt werden kann, ohne dass etwa Terroristen an das waffenfähige Material herankommen können.

Das übersteigt das Vorstellungsvermögen der meisten. Die zweite Aufgabe des AKEnd, Vorschläge zu machen, wie die Zustimmung der Bevölkerung für einen Endlager-Standort gewonnen werden kann, ist nicht minder schwierig. Der AKEnd will die Bevölkerung in die Suche einbeziehen und am Ende darüber abstimmen lassen, ob sie sich ein Leben mit einem Endlager vorstellen kann. 2030 soll das Lager stehen.

Einen ersten Schritt hat der AKEnd gemacht. Zum ersten Mal seit 20 Jahren haben Atomkraftbefürworter und -gegner gemeinsam an einem Problem gearbeitet und das erste Mal überhaupt miteinander gesprochen. Allein das habe einiges verändert, sagt Michael Sailer, der seit 20 Jahren beim Öko-Institut in Darmstadt als Atomgutachter arbeitet und nun Vorsitzender der Reaktor-Sicherheits-Kommission ist. Er grinst und fügt hinzu: „Nach 23 oder 24 Uhr mischen sich die Tische bei einem solchen AKEnd-Workshop.“

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