Politik : Leben mit der Angst

Touristen werden vor Reisen nach Nairobi gewarnt. Die Ausländer in der Stadt fürchten Kriminalität mehr als Terror

Christoph Link[Nairobi],Ralph Schulze[Madrid]

Von Christoph Link, Nairobi,

und Ralph Schulze, Madrid

Weltweit sind die Regierungen in Alarmbereitschaft. Die türkische Polizei befürchtet neue Terroranschläge und hat zu verstärkten Sicherheitsvorkehrungen aufgerufen. Australien hat seine Bürger wegen der Terrorgefahr dringend vor Reisen nach Kenia, Pakistan und Afghanistan gewarnt. Die USA, die ihre Bürger schon seit Mai vor „nicht notwendigen“ Reisen nach Kenia warnen, haben jetzt, wie Israel, ihre Warnung bekräftigt. Und nun hat sich auch Deutschland angeschlossen mit der „dringenden Warnung“ vor Reisen nach Nairobi.

Das berühmte „Thorn-Tree-Cafe“ im Stanley-Hotel in Nairobis Innenstadt ist leer, obwohl jetzt zur Mittagszeit Hochbetrieb sein müsste. „Die Leute haben Angst“, sagt eine Kellnerin. 14 Polizeibeamte mit Gewehren stehen vor dem Luxushotel, Parken ist verboten. Ähnlich sieht es beim Hilton aus, das wie das Stanley in einer anonymen E-Mail an die Behörden als mögliches Anschlagsziel „in den nächsten Tagen“ erwähnt worden war.

Doch an sich gehen die Bürger der Millionenstadt Nairobi mit den Terrorwarnungen inzwischen gelassen um. Das Geschäftsleben läuft normal, Autos stehen im Stau, die Kenianer strömen in die Läden. Nur die betroffenen Hotels stöhnen unter Umsatzeinbußen und die Tourismusbranche leidet. „Wir hatten jetzt 80 Abbestellungen für eine Tagung, die Leute bleiben in Kampala“, sagt ein deutscher Hotelmanager.

Nach den zwei großen Al-Qaida-Attentaten in Kenia, dem Anschlag auf die US-Botschaft 1998 und dem Angriff auf ein israelisches Hotel und ein Flugzeug im November 2002 in Mombasa, lebt das Land im Rhythmus von Terrorwarnungen. Im Mai diesen Jahres stoppte British Airways für mehrere Monate Flüge nach Kenia, im Juni schloss die amerikanische Botschaft in Nairobi tagelang nach gezielten Hinweisen auf einen Selbstmordanschlag.

In westlichen Diplomatenkreisen lobt man indes die Arbeit der neuen Regierung unter Mwai Kibaki, die eng mit dem Westen kooperiert. Der korrupten Vorgängerregierung unter Daniel Arap Moi war nachgesagt worden, dass sie sich von den arabischen Tycoons in Mombasa hatte kaufen lassen, von denen manche in den 90er Jahren Osama bin Laden empfangen hatten. In Kibakis Amtszeit sind nun ein Dutzend Verdächtige verhaftet und angeklagt worden: Gegen sieben Kenianer arabischer Abstammung soll im Januar der Prozess beginnen. Westliche Geheimdienste gehen davon aus, dass Al Qaida kein großes Netzwerk in Kenia hat, aber über „eine kleine Gruppe verfügt, die in der Lage ist, Autobomber zu rekrutieren“.

Für die rund 4000 Deutschen, die in Kenia leben, ist nicht die Angst vor Terroranschlägen, sondern die alltägliche Kriminalität die größte Sorge. Alle deutschen Einrichtungen in Nairobi werden von privaten Sicherheitsdiensten bewacht. Nur nach Leibesvisitation und Röntgenkontrolle darf man die Deutsche Botschaft betreten, die in einem Hochhaus untergebracht ist. Die Botschaft hatte jedoch nach der Berliner Warnung vorübergehend die Visastelle geschlossen.

Die USA wollen indes angesichts wachsender extremistischer Bedrohungen im Norden Afrikas ihren „Krieg gegen den Terror“ auch in den Maghrebstaaten verstärken. Auf seiner Rundreise durch Marokko, Tunesien und Algerien vereinbarte Außenminister Colin Powell einen Ausbau der Zusammenarbeit bei der Anti-Terror-Bekämpfung. Im Visier der Terrorfahnder befindet sich besonders Algerien, von dem aus die islamistische Terrorbewegung GSPC (Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf) operiert und zunehmend westliche Interessen gefährdet.

Die USA wollen nun in der südlichen Sahara Algeriens eine Militärbasis aufbauen. Herzstück des Lagers nahe der Oasenstadt Tamanrasset, wo im Frühjahr 32 europäische Touristen von GSPC-Terroristen gekidnappt worden waren, soll eine gigantische Abhörstation sein. Das neue Spionagezentrum der amerikanischen National Security Agency soll ein riesiges Saharagebiet elektronisch überwachen – das „Niemandsland“ zwischen Mauretanien, Mali, Niger, Algerien und Libyen, das als neues Aufmarsch- und Trainingsgebiet von Al Qaida gilt.

Auf dem neuen Anti-Terror-Schlachtfeld könnten demnächst bewaffnete US-Spezialeinheiten arbeiten. Schon länger verhandeln US-Emissäre mit den Regierungen der im Terror-Kampf überforderten Sahara-Länder, um die Erlaubnis für „Blitzzugriffe“ auf fremdem Territorium gegen Terrorlager und ihre Führer zu erhalten. Als Basis für solche zeitlich begrenzten Einsätze könnte ebenfalls das algerische Tamanrasset dienen, dessen Flughafen eine lange Start- und Landebahn besitzt.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben