Politik : Leben reduziert sich aufs pure Überleben

Alex K.lebt in Belgrad.Die junge Serbin, die von sich selbst sagt, sie sei von westlichen Idealen geprägt, beschreibt in ihrem Tagebuch, wie sie den Krieg in ihrer Stadt erlebt.Der Tagesspiegel wird versuchen, das Tagebuch von Alex K.künftig in regelmäßigen Abständen zu veröffentlichen.Um sie zu schützen, können wir ihren richtigen Namen nicht nennen.Heute beschreibt sie ihre Eindrücke vom 5.Mai.Der Tagesspiegel meldete an diesem Tag: "EU-Länder wollen mehr Flüchtlinge aufnehmen.Die NATO dementiert, einen zivilen Bus nahe der Stadt Pec angegriffen zu haben.Das Institute for Strategic Studies in London kritisierte das Vorgehen der NATO."



5.Mai: Jeder Tag ist so voll von neuen Informationen, daß es schwierig ist, sie alle aufzunehmen und zu verarbeiten.Städte werden zerstört, Zivilisten sterben, das Leben wird immer schwieriger und reduziert sich oft aufs pure Überleben.In den Augen meiner Generation hat Kunst nie so erbärmlich gewirkt, so realitätsfern, so machtlos angesichts der Kräfte, die die Welt regieren.Die Künstler in Serbien fragen sich jetzt, wie ihre Kunst wohl nach dem Krieg aussehen wird.Werden sie überhaupt noch auf die Kunst von solchen Ländern eingehen können und wollen, die jetzt mit zu den Bombenwerfern gehören, während deren Künstler einfach abseits standen?

Djodje Kadijevic, ein ziemlich bekannter serbischer Kinoregisseur, schrieb neulich: "Werden wir weiter so wie bisher auf den Sandbänken zwischen Ost und West hin- und herflottieren? Ob wir uns den Fels, auf dem wir auflaufen aussuchen, irregeleitet durch unsere eigene Unentschlossenheit, schwindlig geworden an unseren Wünschen und Angeboten?"

Außerdem fragen wir uns einfach, was der Sinn von Kunst ist, wenn man nur ein Ziel im Auge hat, nämlich am nächsten Morgen noch lebendig zu sein.Die einzige Antwort, die ich bis jetzt für mich finden konnte, liegt in den Worten eines andere serbischen Künstlers, der auch Dichter ist, Miodrag Pavlovic: "Schönheit heilt das Apokalyptische."

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