Politik : Leben zwischen zwei Welten Türken in Deutschland wollen mehr Rücksicht

Claudia von Salzen

Sie leben zwischen zwei Welten: Fast zwei Drittel der türkischstämmigen Migranten fühlen sich in Deutschland als Türken und in der Türkei als Deutsche. 38 Prozent empfinden beide Länder als ihre Heimat, für 37 Prozent ist eher die Türkei Heimat, Deutschland dagegen nur für jeden Fünften. Das geht aus einer am Donnerstag in Berlin vorgestellten Studie hervor.

Immerhin 42 Prozent der Befragten wollen das Land sogar verlassen und planen eine Rückkehr in die Türkei. Bei den jungen Migranten ist dieser Wunsch sogar ausgeprägter als bei den älteren. Dieses Ergebnis mache besonders nachdenklich, sagte Kenan Kolat, Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland, dem Tagesspiegel. „Es ist fatal, wenn Jugendliche, die hier geboren sind und die wir hier ausgebildet haben, unser Land wieder verlassen wollen.“ Den Grund dafür sieht Kolat in einer „unterschwelligen Diskriminierung“, die viele Türken in Deutschland erlebten. „Antitürkische Ressentiments haben in den vergangenen Jahren zugenommen“, sagte er.

Wenn so viele Menschen sich in Deutschland nicht angenommen fühlten, müsse dringend etwas getan werden. Insgesamt 82 Prozent der Befragten sind denn auch der Auffassung, dass die deutsche Gesellschaft stärker auf die Gewohnheiten und Besonderheiten der türkischen Einwanderer Rücksicht nehmen sollte.

Für die Studie haben die Meinungsforschungsinstitute Info GmbH und Liljeberg Research International nicht nur 331 türkische Migranten gefragt, sondern zum Vergleich auch jeweils mehr als 300 Deutsche sowie Türken in der Türkei. Herausgekommen ist ein differenziertes Bild der Migranten: Ihnen sind Werte wie Demokratie, Rechtsstaatlichkeit oder Respekt vor anderen Religionen und Kulturen genauso wichtig wie den befragten Deutschen. Dagegen haben der Glaube an Gott sowie die Tradition bei ihnen einen weitaus höheren Stellenwert. Ein Drittel der türkischen Frauen in Deutschland trägt ein Kopftuch – in der Türkei sind es dagegen 61 Prozent. Außerdem haben die türkischen Migranten ein stärker ausgeprägtes Vertrauen in deutsche Institutionen als die Deutschen selbst. „Die Studie zeigt, dass die Türken in Deutschland angekommen sind und sich langsam an die Werte dieses Landes angenähert haben“, betonte Kolat. „Wir brauchen ein neues Bild von der türkischen Minderheit.“

Die Meinungsforscher verzeichnen jedoch „dramatische Unterschiede“ beim Rollenverständnis in der Familie und der Einstellung zur sexuellen Freiheit. So lehnen 47 Prozent der Türken in Deutschland ein Zusammenleben von Mann und Frau vor der Ehe ab, bei den Deutschen sind es nur acht Prozent, in der Türkei liegt die Ablehnung bei 67 Prozent. Weniger Toleranz zeigen die Migranten auch bei homosexuellen Beziehungen. In Deutschland leben der Studie zufolge zurzeit 2,7 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln. Etwa 30 Prozent von ihnen hätten die deutsche Staatsbürgerschaft.

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