Lebensmittelpreise : Bislang kein Sturm im Milchglas

Die deutschen Milchbauern bestreiken den Handel aus Protest vor den niedrigen Preisen. Über die Wirkung sind sie sich indessen uneins. Auch den Einzelhandel schmerzt der Streik scheinbar herzlich wenig.

Milchkuh
Die deutschen Milchbauern machen ernst: Mit einem Lieferboykott protestieren sie gegen die aus ihrer Sicht zu niedrigen...Foto: dpa

BerlinAm dritten Tag des Lieferboykotts der Milchbauern hat es zwischen den Verbänden Streit über dessen Wirkung gegeben. "Ich gehe davon aus, dass heute 70 Prozent weniger Milch kommt", sagte der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM), Romuald Schaber, am Donnerstag. Das könne "partout nicht stimmen", entgegnete der Sprecher des Milchindustrieverbands (MIV), Michael Brandl. Zwar lägen noch keine bundesweiten Zahlen vor, er rechne jedoch mit maximal 20 bis 30 Prozent an Liefereinbußen. Der Einzelhandel berichtete von gefüllten Regalen und bezeichnete Warnungen vor flächendeckenden Engpässen als "haarsträubende Panikmache".

Milch und Butter würden trotz des Lieferboykotts auch in der nächsten Woche in den Kühlregalen stehen, sagte Einzelhandelsverband- Sprecher Hubertus Pellengahr. "Für den Zeitraum, der überhaupt überschaubar ist, können wir Entwarnung geben." Die Molkereien stellten zum Ausgleich vermehrt von Milchpulver- und Käseproduktion auf die Herstellung von Frischmilch um, berichtete MIV-Sprecher Brandl. Der Boykott sei nicht weiter problematisch: "Es stört halt."

Im Norden beteiligen sich wenige Michbauern

"Im Norden Deutschlands liefern 95 Prozent der Bauern weiter, im Osten gibt es ebenfalls wenige Streikende", sagte Brandl. In Richtung Süden nimmt die Boykottbereitschaft aber deutlich zu, in einigen Regionen Bayerns beteiligen sich drei von vier Bauern an dem Protest. In Rheinland-Pfalz erreichen die beiden Großmolkereien Hochwald und Milch-Union Hocheifel rund ein Drittel weniger Milch als üblich. In Thüringen war der Rückgang der Lieferungen hingegen kaum zu spüren. Insgesamt beteiligen sich laut BDM inzwischen rund 70.000 der etwa 100.000 deutschen Milchbauern am Lieferstopp. Agnes Scharl vom Bauernverband sprach hingegen von 10 bis 20 Prozent boykottierender Milchbauern. "Die Mehrheit der Milcherzeuger bewahrt die Liefertreue."

Auf dem Markt für frei verfügbare Milch zeigte der Boykott allerdings schon spürbare Folgen. "Wir können den Streik nicht 1:1 ausgleichen", sagte der Geschäftsführer von Apollo Milchprodukte in Kleve, Uwe Kockerbeck. "Wir können nicht so viel Milch von außerhalb einführen wie wir momentan verlieren." Der Preis für diese Milch sei binnen einer Woche von 28 auf mehr als 40 Cent gestiegen, berichtete der Großhändler. Zusätzliche Importe aus dem europäischen Ausland sind schwer zu organisieren. Die Milchindustrie hatte bislang betont, der Boykott sei durch Einfuhren aus dem Ausland problemfrei auszugleichen.

Belgische Bauern erklären sich solidarisch

Laut BDM erklären sich inzwischen auch die belgischen Bauern mit ihren Kollegen solidarisch, in Italien beginnt diesen Freitag ein Boykott. Auch Bauern anderer Länder hätten sich dem Lieferstopp angeschlossen. Bauernverband-Sprecherin Scharl berichtete hingegen: "Wir sehen im Ausland im Prinzip keine Beteiligung, in einzelnen Ländern gibt es sehr verhaltene Proteste."

Offen blieb auch, wie lange der Boykott noch andauern wird. 10 bis 14 Tage könnten die Erzeuger locker durchhalten, sagte BDM-Chef Schaber. "Die Bauern sehen das als Investition in die Zukunft." Da die Beteiligten kein Streikgeld erhalten, erleidet ein Bauer mit 75 Kühen jeden Tag einen Verlust von etwa 500 Euro. Deshalb müsse jeder Bauer selbst entscheiden, ob er seine Verträge erfülle oder die Milch lieber wegschütte, urteilte Bauernverbands-Präsident Gerd Sonnleitner. Der Lieferstopp sei aber angesichts der unhaltbaren Erlössituation gerechtfertigt.

Zahlreiche Bauern liefern ihre Milch aus Protest gegen die aus ihrer Sicht zu niedrigen Preise seit Dienstag nicht mehr an die Molkereien. Stattdessen verfüttern sie sie an die Kälber oder schütten sie weg. Der BDM fordert einen Milchpreis von 43 Cent je Liter, derzeit werden je nach Region zwischen 27 und 35 Cent gezahlt. (kj/dpa)

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