Politik : LEBENSRETTER IN DER PROVINZ

ENTWICKLUNG: OP-Schwester Karla Schefter wollte eine Auszeit. Sie kam nach Afghanistan. Und blieb. Als Leiterin einer Klinik.

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Foto: picture-alliance / Lonely Planet

Sie hat die Kommunisten erlebt, den Bürgerkrieg, die Herrschaft der Taliban und was danach kam. Karla Schefter hat einfach immer weitergemacht. „Ich gebe die Menschen nicht auf“, sagt die frühere Krankenschwester. Seit nunmehr 23 Jahren arbeitet sie für und in Afghanistan, seit 19 Jahren leitet sie ein Krankenhaus in der Provinz Wardak, 65 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Kabul. Die Geschichte dieses Projekts ist nicht ohne Rückschläge, doch sie zeigt, was möglich ist, wenn Menschen entschlossen sind, anderen zu helfen.

Denn das Krankenhaus in dem Ort Chak, das nach dem Wegfall von EU-Mitteln schon kurz nach der Eröffnung wieder vor dem Aus stand, wird heute allein von Spendern finanziert. Schulen sind darunter, Kirchengemeinden und auch Privatpersonen. Die meisten Spenden kommen aus dem Ruhrgebiet, denn dort stammt auch die heute 70-jährige Karla Schefter her. Den Winter verbringt sie noch immer in Deutschland, um Geld zu sammeln, den Rest des Jahres lebt sie in Afghanistan.

600 000 Euro braucht Karla Schefter Jahr für Jahr, um die Kosten des kleinen Krankenhauses zu decken. „Nicht immer bekommen wir so viel zusammen, dann sind wir gezwungen, uns einschränken“, sagt sie. Auf Komfort müssen die Patienten in Chak ohnehin verzichten. Wenn überhaupt, reicht das Geld allein für Medikamente, Ausrüstung und die Gehälter der 75 Mitarbeiter. Wenn im Winter hunderte Kinder mit Lungenentzündung eingeliefert werden oder im Sommer Durchfallerkrankungen um sich greifen, teilen sich nicht selten mehrere Kinder ein Bett. „Mit unseren 60 Betten kommen wir da schnell an unsere Grenzen“, sagt Schefter. Mütter und Geschwister der Patienten sind dann fürs Wäschewaschen zuständig und putzen auch die Zimmer, während die Väter beim Abladen von Lieferungen helfen. „Nur so können wir es schaffen, kostenlos zu behandeln.“ Für die Menschen in Wardak, erklärt Schefter, sei das wichtiger als alles andere, denn die Provinz ist auch zehn Jahre nach dem Sturz der Taliban bitterarm. „Von mehr als 400 Patienten haben weniger als zehn Arbeit.“

Bevor das Krankenhaus 1991 eröffnet wurde, mussten Kranke drei Stunden bis zum nächsten Krankenhaus fahren. Karla Schefter vermag nicht zu sagen, für wie viele das praktisch einem Todesurteil gleichkam. „Vor allem viele Frauen sind früher elendig zugrunde gegangen, wenn es Komplikationen bei der Geburt eines Kindes gab.“ Insgesamt sterbe in Afghanistan noch immer jede zehnte Frau während der Schwangerschaft oder unter der Geburt. Eine verlässliche Statistik über die Entwicklung der Müttersterblichkeit in Wardak gibt es zwar nicht, doch allein die Tatsache, dass in dem Krankenhaus in Chak drei bis vier Kinder pro Monat per Kaiserschnitt auf die Welt geholt werden, zeigt, wie wertvoll die kleine Klinik für die insgesamt 500 000 Menschen in der Region ist.

Acht afghanische Ärzte und eine Zahnärztin behandeln rund 100 000 Patienten pro Jahr, 75 Prozent davon Frauen und Kinder. „Wir kümmern uns um jeden, egal ob er ein Taliban oder ein Regierungsbeamter ist“, betont Schefter. Das sei wohl auch ein Grund dafür, dass ihr Krankenhaus bisher nie angegriffen wurde. „Egal, wer gerade regiert hat, unsere Arbeit wurde immer respektiert, denn wir haben stets strikte Neutralität gewahrt.“ Die Soldaten der Internationalen Schutztruppe habe sie ebenfalls gebeten, Abstand zu halten.

In Wardak sind US-Truppen stationiert, die Provinz ist alles andere als ruhig. Doch nicht nur die Taliban verbreiten Angst und Schrecken. Karla Schefter beobachtet vor allem eine Zunahme der Kriminalität. Weil es immer mehr Entführungen gibt, kann sie selbst sich nur noch in Kabul aufhalten. „Nun zahlt sich aus, dass wir ausschließlich einheimisches Personal beschäftigen. Die Arbeit im Krankenhaus geht auch ohne mich weiter“, erläutert sie. Die frühere OP-Schwester wollte vor 23 Jahren eigentlich nur eine Auszeit vom deutschen Klinikbetrieb nehmen und reiste ein Jahr lang mit einem mobilen Ärzteteam durch Afghanistan. So kam sie auch nach Chak. „Dort war die Not so groß, dass uns die Leute unter den Händen weggestorben sind.“ Für die Helfer war klar: Chak braucht ein Krankenhaus. Zurück in Deutschland gründeten sie ein Komitee – und schickten Karla Schefter wieder nach Afghanistan. Ulrike Scheffer

Die grüne Lunge von Kabul:

Schatten, Ruhe, Picknick

am Rande geharkter Wege – Baburs Garten ist eines der

beliebtesten Ausflugsziele

und Rückzugsort für

die Einwohner der Hauptstadt.

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