Politik : Lebertran und Moskitonetze

Vor 60 Jahren wurde das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen gegründet, um deutschen Kindern nach dem Krieg zu helfen

Dagmar Dehmer

Berlin - An den Lebertran dürften sich die ersten Nutznießer eines Unicef-Hilfsprogramms noch mit Schaudern erinnern. Im Dezember 1948 schickte das UN-Kinderhilfswerk, das zwei Jahre vorher gegründet worden war, einen ersten Frachter von New York nach Hamburg, um die Not der Kinder im zerstörten Nachkriegsdeutschland zu mildern. Einige Schiffe waren bis an die Luken gefüllt mit Lebertran. Das vitaminreiche Öl aus Kabeljau- und Dorschleber wurde an die Kinder verteilt, um ihr Immunsystem zu stärken und Rachitis vorzubeugen. Bis 1952, als der Hilfseinsatz in Deutschland endete, lieferte Unicef 416 Tonnen Lebertran, 96 Millionen Kapseln mit dem Öl an geschwächte deutsche Kinder.

In den Anfangsjahren von Unicef lag die Kindersterblichkeit bei der Geburt und kurz danach in Europa bei 30 Prozent. Schon damals entwickelte die Organisation einen Hebammenkoffer. Bis heute wird dieses Hilfsmittel überall auf der Welt eingesetzt. Für 120 Euro kann Unicef so 50 Frauen und ihren Kindern eine sichere Geburt ermöglichen. Einer der größten Erfolge von Unicef ist die Wasserpumpe „India Mark II“. Gemeinsam mit indischen Ingenieuren entwickelte das Hilfswerk die Pumpe in den 60er Jahren, seit 1977 wird sie in Serie produziert. Die Pumpe kostet 180 Euro, ist wartungsarm und an mehr als einer Million Orten der Welt im Einsatz. Denn dass sauberes Trinkwasser eine wesentliche Voraussetzung ist, damit sich Kinder gesund entwickeln können, das hat Unicef schon in den 60er Jahren erkannt.

Das Kinderhilfswerk ist die kleinste UN-Organisation und die einzige, bei der Menschen ehrenamtlich mitarbeiten können, allein in Deutschland tun das rund 8000 Menschen. Ihre Verwaltung ist schlank, und der Etat ist es auch. Nach Unicef-Angaben gab das Kinderhilfswerk 2004 rund 1,6 Milliarden Dollar für seine Arbeit in 160 Ländern aus. Allein die Personalkosten der New Yorker Feuerwehr lägen bei 2,6 Milliarden Dollar jährlich, rechnet Unicef vor. Das Kinderhilfswerk finanziert sich ausschließlich aus Spenden und freiwilligen Beiträgen von Regierungen. Von Anfang an bemühte sich Unicef, mit einfachen und billigen Mitteln zu helfen. Das erfolgreichste Beispiel für diese Strategie sind vermutlich die ORS – Orale Rehydriersalze. Ein Päckchen dieser Zucker-Salz- Lösung kostet gerade mal fünf Cent. Unicef verteilt jedes Jahr rund 40 Millionen Päckchen davon und rettet so Millionenmal das Leben von Kindern mit schwerem Durchfall – noch immer die zweithäufigste Todesursache von Kindern unter fünf Jahren. Aber auch neuartige, mit unschädlichen Insektiziden imprägnierte Moskitonetze, die mehrere Jahre vor Anopheles-Mücken schützen, die die schwere Viruskrankheit Malaria übertragen, kosten lediglich vier Euro. Unicef ist inzwischen der größte Abnehmer dieser Netze. Allein 2004 verteilte die Organisation 7,3 Millionen davon.

Doch Unicef beschränkt sich nicht allein auf die direkte Hilfe für Kinder. Die Organisation will auch auf politischer Ebene mehr für Kinder erreichen, zum Beispiel mit der UN-Kinderrechtskonvention, die bis auf die USA und Somalia inzwischen alle Länder dieser Welt unterzeichnet haben. Gefragt, was sie sich für die Zukunft wünscht, sagt die Vorsitzende von Unicef Deutschland, Heide Simonis: „Wir sollen es gut haben, die anderen sollen es aber auch gut haben. Deshalb geben wir ein Stückchen von dem ab, was wir besitzen.“

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