Politik : Lech kommt nicht

Das Solidarnosc-Idol Walesa will den Jubiläumsfeiern der Gewerkschaft fernbleiben – wegen der Kaczynskis

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Der wortgewaltige Streikführer von Danzig schickte diesmal einen Sprecher vor. Lech Walesa werde nicht an den Feiern zum 30. Jahrestag der Solidarnosc-Gründung in Stettin teilnehmen, berichtete dieser. Die anhaltenden Kontroversen schreckten den Friedensnobelpreisträger ab, erklärte Piotr Gulczynski diplomatisch. Walesa hätte das offener gesagt, hätte kein Blatt vor den Mund genommen. Doch der 67-Jährige ist sanft und weißhaarig geworden. Nach seinem jahrelangen Ehrverletzungsprozess mit dem im April in Smolensk abgestürzten Staatspräsidenten Lech Kaczynski will er sich nicht auch noch offen mit dessen Zwillingsbruder anlegen. „Walesa dankt auf jeden Fall für die Einladung“, unterstreicht stattdessen sein Sprecher. Doch die Spatzen pfeifen es nicht nur in Danzig vom Dach: Walesa kann es der heutigen Führung der von ihm 1980 mitgegründeten ersten freien Gewerkschaft Osteuropas nicht verzeihen, dass diese sich seit Jahren den konservativen Kaczynski-Zwillingen andient.

Die Organisation des 30. Solidarnosc- Jubiläums war von Anfang an eine Zangengeburt. Schon im Januar sagte Walesa eine Teilnahme im Ehrenkomitee ab; mit seinem Nachfolger, dem rechtskonservativen Solidarnosc-Führer Janusz Sniadek, wollte er nicht an einem Tisch sitzen, sagte Walesa. Auch begannen zwei Solidarnosc-„Nachkommen“, die Gewerkschaft an sich sowie das vor fünf Jahren gegründete Europäische Solidarnosc-Zentrum (ECS), eigene Jubiläumsveranstaltungen zu organisieren. Die Gewerkschaft gilt heute als hoch politisiert und arbeitet meist eng mit der konservativen Oppositionspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) zusammen; das ECS gilt als Stützpunkt der regierenden Bürgerplattform (PO). Die PiS und allen voran deren Parteichef Kaczynski lehnt den Runden Tisch von 1989 inzwischen als „faulen Kompromiss mit den Kommunisten“ ab und hat Walesa als Geheimdienstmitarbeiter diffamiert; Regierungschef Donald Tusks PO verteidigt die unblutige polnische Wende, vertritt jedoch eher liberale und gewerkschaftsfeindliche Positionen.

Hauptorganisator der Feiern unter dem Motto „Es begann in Danzig“ bleibt die Gewerkschaft Solidarnosc, die von zehn Millionen Mitgliedern im Jahre 1980 auf knapp 700 000 geschrumpft ist. Zu den Jubiläumsfeiern im schlesischen Jastrzebie Zdroj Anfang September hat sie weder Tusk noch den neuen, liberal gesinnten Staatspräsidenten Bronislaw Komorowski eingeladen, dafür aber Kaczynski. An den Hauptfeierlichkeiten an diesem Montag in Gdingen sind die beiden Liberalen nach einigem Hin- und Her doch noch willkommen und sollen nun dem Solidarnosc-Jahreskongress beiwohnen dürfen.

Gedacht werden soll dabei der Arbeiterhelden, die vor 30 Jahren der realsozialistischen Regierung nach 17 Streiktagen in der Danziger Leninwerft die Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft und sanfte Reformen abgetrotzt hatten. Für die traditionelle Heilige Messe vor dem Denkmal der ermordeten Werftarbeiter am Dienstag ist erst Kaczynskis Teilnahme bestätigt. Walesa hatte vor Jahresfrist sein Blumengebinde einsam und alleine vor der Werft niedergelegt. Noch hoffen in Danzig viele, dass es sich Lech – wie so oft in seinem Leben – im letzten Moment noch anders überlegt und dennoch bei den Feiern vorbeischaut.

Die Ereignisse vom Sommer 1980 waren eine Sensation. Am 14. August 1980 traten die Werftarbeiter in den Streik, um gegen Preisanstiege zu demonstrieren. Am 21. August begannen Regierungsvertreter Verhandlungen mit den Streikenden, die – angeführt von Walesa – das Recht zur Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft forderten. Die Streiks weiteten sich von Norden nach Süden aus: Seit dem 27. August wurde auch in der schlesischen Kohlebergbauregion Schlesien gestreikt. Am 31. August erlaubte die kommunistische Regierung schließlich die Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft, akzeptierte das Streikrecht, versprach Einschränkungen der Zensur, Lohnerhöhungen sowie die wöchentliche Übertragung der Sonntagsmesse im staatlichen Radio und Fernsehen. Im Oktober 1980 wurde Solidarnosc offiziell anerkannt. mit AFP

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