Politik : „Lehrer müssen professionell werden“

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Wenn Sie Kultusminister wären, zum Beispiel in Bremen: Wie würden Sie dann auf „Pisa E“ reagieren?

Bremen ist in einer wirklich schwierigen Situation. Der Stadtstaat hat mit einer Zuwanderungsrate bei Jugendlichen von 40 Prozent zwei große Randgruppen in der Schule zu betreuen, die weitgehend im Ghetto leben: türkische Zuwanderer und Aussiedler. Diese Betreuung erfolgreich zu leisten, ist bei der extrem angespannten Haushaltslage des Landes eine fast unlösbare Aufgabe.

Es gibt jetzt viele Reformvorschläge. Womit soll man anfangen?

Wir benötigen eine Zuwanderungsregelung, die klare Verweilperspektiven für die in Deutschland lebenden Migranten eröffnet. Dabei könnte ein dauerhafter Aufenthalt auch an das Deutschlernen geknüpft sein, wenn man gleichzeitig ausreichend Gelegenheit zum Erlernen bietet. Auch die bildungspolitischen Prioritäten müssen wahrscheinlich verändert werden, um frühem Lernen und der rechtzeitigen Unterstützung bei Schulproblemen größeres Gewicht zu geben. Dies wird nicht ohne Umschichtungen im Bildungshaushalt möglich sein. Dafür braucht man zunächst freie Mittel. Denn die frühe Sprachförderung jener Gruppe, die wir in Pisa als Risikogruppe bezeichnet haben, verlangt zusätzliche, auch konventionelle Unterrichtsangebote, an Nachmittagen, Samstagen und vielleicht auch in den Ferien. Amerikanische Untersuchungen haben gezeigt, dass die Leistungsentwicklung von Kindern aus sozial bevorzugten und benachteiligten Familien gerade in der schulfreien Sommerpause auseinander läuft. Warum also keine Sommerakademien?

Rot-Grün setzt auf die Ganztagsschulen. Ist das ein Weg aus der Krise?

Die flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen ist nicht bezahlbar und wohl auch nicht mehrheitsfähig. Dennoch gibt es eine große, nicht befriedigte Nachfrage nach Ganztagsplätzen. Allerdings machen Ganztagsschulen nur Sinn, wenn sie weder eine Verdoppelung der Halbtagsschule noch deren sozialpädagogische Verlängerung in den Nachmittag sind. Die Ganztagsschule bietet aber die Chance, dem Schultag einen neuen und entspannteren Rhythmus zu geben: Mehr Zeit zum individuellen Lernen. Eine solche Schule hat aber Auswirkungen auf den Arbeitstag der Lehrkräfte, weil sie eine Ganztagspräsenz an mindestens drei oder vier Tagen der Woche erfordert.

Taugen Ganztagsschulen als Rezept für mehr soziale Gerechtigkeit?

Ganztagsschulen können einen hilfreichen organisatorischen Rahmen zur Verfügung stellen, sind aber keine Selbstläufer. Das zeigen die Erfahrungen mit Gesamtschulen in Deutschland, die häufig als Ganztagsschulen mit heterogenen Gruppen geführt werden. Trotzdem ist in keiner anderen Schulform der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Kompetenzerwerb so eng wie an diesen Schulen. Die Lösung liegt im intelligenten Umgang mit Unterschieden.

Wie kann das funktionieren?

Das immer noch vorherrschende Unterrichtsmuster in Deutschland ist der fragendentwickelnde Unterricht. Kennzeichnend ist eine Gesprächsführung, die von anspruchsvollen Problemen ausgeht und zu einem definierten Unterrichtsziel leitet. Bei dieser Unterrichtsführung kann man sowohl mit Fehlern als auch mit klugen, vorgreifenden Antworten schlecht umgehen. Beides stört. Schwächere und wirklich begabte Kinder kommen so beide nicht zu ihrem Recht.

In der Bildungsdebatte wird oft die fehlende Leistungsbereitschaft in Deutschland kritisiert. Brauchen wir mehr Drill?

Anstrengungsbereitschaft ist etwas anderes als Leistungsdruck. Mit Sicherheit brauchen wir nicht mehr Drill, davon haben wir mehr als genug. Es geht um die Förderung von Selbstständigkeit, die allerdings Anstrengungsbereitschaft und Durchhaltefähigkeit erfordert. Um selbstständig zu werden, muss man aber die Chance erhalten, Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen.

Was sind die zentralen Ursachen für das Leistungsgefälle zwischen den Bundesländern?

Es gib Zusammenhänge zwischen der Sozialstruktur, ihrer Finanzausstattung, den Wirtschaftsindikatoren der Länder einerseits und dem Leistungsstand andererseits. Und es lassen sich Zusammenhänge zwischen Unterrichtsversorgung und den Schulleistungen belegen. Aber das darf man nicht kausal interpretieren. Die in Pisa erfassten ökonomischen und sozialen Merkmale beschreiben vielmehr den allgemeinen Wohlstand und die gesellschaftliche Dynamik eines Landes, die auch den Optimismus im Bildungsbereich beeinflusst.

Kann man mit der Pisa-Studie die Einführung des Zentralabiturs begründen?

Das Zentralabitur ist kein Allheilmittel, genauso wenig wie zentrale Prüfungen auf allen Stufen. Aber: Das Ausreißen wird schwerer. Und wenn man der Meinung ist, dass wir im unteren Leistungsbereich besondere Probleme haben und man nachbessern sollte, können zentrale Prüfungen eine Hilfe sein und erst einmal Transparenz schaffen.

Was macht Bayern eigentlich bei den ausländischen Schülern so viel besser als alle anderen?

Der Freistaat Bayern ist in der Tat bei der Sicherung der Lesekompetenz von Jugendlichen aus Zuwandererfamilien relativ erfolgreich. Diese Erfolge sind wahrscheinlich nicht allein auf die ethnische Zusammensetzung der Zuwanderer zurückzuführen. In Bayern besuchen über 40 Prozent der Jugendlichen eine Hauptschule, an der Lehrkräfte unterrichten, die sich überhaupt nicht als Lehrerschaft einer Restschule fühlen, sondern einer Schule, die hoch angesehen ist und Zukunftsperspektiven eröffnet. Da geht man natürlich davon aus, dass jeder das Pensum schaffen kann - auch die Neu-Bayern.

Was brauchen die Schulen jetzt auf jeden Fall?

Mehr Gestaltungsfreiheit, dann muss man auf jeden Fall aber für Erfolgskontrollen sorgen. Das Konzept der Staaten, die bei Pisa Erfolg haben, ist genau diese Mischung: Stärkung der Eigenverantwortlichkeit der Einzelschulen, aber Verpflichtung auf Rechenschaftslegung und Kontrolle des Erfolgs. Das dritte Element, das unbedingt notwendig ist, ist die Professionalisierung der Lehrerschaft.

Das Gespräch führten Bärbel Schubert und

Simone von Stosch.

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