Politik : Leichenteile und brennende Dörfer

STEPHAN ISRAEL[PRIZREN DIETER EBELING]

BRÜSSEL .Djemal Rama mag nicht mehr auf die Straße hinunter schauen.Ein serbischer Polizist in Zivil mit der Pistole im Hosengurt hat ihn, den Augenzeugen, herbeigezehrt, um vor den Journalisten auszusagen.Djemal Rama sagt aus, am Straßenrand, den Blick vom zerschossenen Kastenwagen, dem ausgebrannten Traktor, den Leichenteilen abgewandt.Zwei Angehörige, seinen Bruder und seine Schwägerin, hat Djemal Rama im Inferno auf der Straße zwischen Prizren und Djakovica verloren.Er habe ein Flugzeug gehört, dann die Explosion, das Feuer und die Hilfeschreie, berichtet er unter den Augen des Polizisten.Ob er das Flugzeug erkannt habe? Ja, es sei ein Flugzeug der NATO gewesen, sagt Djemal Rama.Und wohin war die Familie unterwegs? Djemal Rama berichtet in kurzen Sätzen über eine zweieinhalbwöchige Odyssee durch das Kosovo.Zuerst sind er und die Seinen aufgefordert worden, ihre Häuser zu räumen.Wer das war, braucht Djemal Rama unter den Augen der Polizei nicht zu sagen.Man machte sich auf den Weg Richtung Albanien, doch an der Grenze war vorerst Endstation.Später kam, diesmal erwähnt Djemal Rama die jugoslawischen Soldaten, der Befehl zur Umkehr.Als die Bomben den Flüchtlingstroß trafen, war Djemal Rama auf dem Weg Richtung Prizren: "Wir wußten nicht wohin wir fahren sollten." Fast scheint es, als wäre der Flüchtingstroß zwischen Polizeikontrollposten hin- und her geschoben worden.Ausgebrannte Fahrzeuge stehen in beiden Richtungen auf der Straße Prizren-Djakovica.Fünf- bis zehntausend Kosovo-Albaner seien in einem Konvoi unterwegs gewesen: "Ich darf nicht mehr", sagt Djemal Rama, während ihn der Zivilpolizist wegzehrt.

Die jugoslawischen Militärbehörden haben am Donnerstag nachmittag rund 60 einheimische und westliche Journalisten aus Belgrad in das Kosovo geführt.Sie sollten sehen, was der "NATO-Aggressor" mit seinem Angriff auf den Flüchtlingskonvoi angerichtet hat: "Das NATO-Flugzeug hat den Konvoi an vier Stellen angegriffen, damit es möglichst viele zivile Opfer gibt", weiß der serbische Begleitoffizier.Über Kilometer liegen Kleidungsstücke entlang der Straße.Rund um die zerschossenen Fahrzeuge liegen aufgerissene Koffer, Kochtöpfe, Glassplitter, einzelne Gummistiefel oder Familienfotos.Die Kosovo-Albaner waren mit Hab und Gut auf dem Traktoranhänger auf der Flucht.Einige sind nie angekommen.Die Militärbehörden zeigen den Journalisten 26 von angeblich über 70 Todesopfern des NATO-Angriffs auf den Flüchtlingstroß.Vier junge Schwestern im Spital von Prizren, eingeschüchtert und verängstigt, wollen oder können nicht Auskunft gegeben.Wo sind die anderen Überlebenden des angeblich mehrere Kilometer langen Flüchtlingstrosses? Am Straßenrand sind einzelne verlassene Traktoren zu sehen.Andere sind offenbar in Panik über das Bord hinausgefahren und steckengeblieben.Die Militärbehörden wollten den Journalisten bei der Fahrt in das Kosovo einiges zeigen, anderes nicht.Die Hauptstadt Pristina wurde zum Beispiel weiträumig umfahren.Einiges war trotzdem nicht zu übersehen.Unterwegs links und rechts der Straße die brennenden oder bereits ausgebrannten Häuser.Oder die Busse, mit Menschen wie Sardinen zusammengepfercht oder zugezogenen Vorhängen und mit unbekanntem Ziel unterwegs.Über Kilometer kein Mensch, dann eine 200köpfige Gruppe von Frauen und Kindern, am Straßenrand verängstigt wartend.Selbst Prizren im Süden, einst von pulsierendem Leben, ist heute eine Geisterstadt.

Unterdessen ging im fernen Brüssel der Eiertanz der NATO bei der Informationspolitik weiter."Der Ort, über den wir sprechen, ist der Ort, an dem der Unfall geschah." Mit kryptischen Äußerungen wie dieser, kaum hörbar in interpretationsbedürftigem Englisch ins Mikrofon genuschelt, hat der italienische General Giuseppe Marani seinen Anteil am bisher größten Informationsdebakel der NATO.Aber auch NATO-Sprecher Jamie Shea, der Todesopfer "zutiefst bedauerte", die möglicherweise vom Bündnis überhaupt nicht zu verantworten sind, mußte am Freitag vor der Weltpresse kleinlaut eine Fehlinformation einräumen: "Ich bin der erste, der mea culpa sagt.Wenn ich Sie in die Irre geführt habe, dann geschah das unabsichtlich."

Am Mittwoch hatte die NATO vehement bestritten, für einen Angriff auf einen Konvoi von Flüchtlingen im Kosovo in der Nähe von Djakovica verantwortlich zu sein.Am Donnerstag räumte sie ein, sie habe in der Gegend zwei Konvois angegriffen.Es scheine, als sei dabei eine Bombe versehentlich auf ein Zivilfahrzeug geworfen worden.Und Shea bedauerte Todesopfer bei einem irrtümlichen Angriff auf einen Konvoi auf der Straße zwischen Djakovica und Prizren - also genau dort, wo nach serbischen Angaben mehr als 70 Flüchtlinge durch NATO-Flugzeuge gestorben sein sollen.

General Marani freilich schilderte dann den Zwischenfall, bei dem ein amerikanischer F-16-Pilot eine Bombe auf ein Zivilfahrzeug abgeworfen hat, das er für ein militärisches gehalten habe.Der habe sich nördlich von Djakovica auf der Straße nach Decane ereignet.Und auf die Frage, ob es sich denn bei diesem Zwischenfall um jenen handele, bei dem die Menschen gestorben sein sollen und über den es auch Fernsehbilder gibt, antwortete ein sichtlich verwirrter Marani: "Sicher."

Erst am Freitag wurde klar, daß Marani über einen Vorfall berichtet hatte, den die Jugoslawen der NATO überhaupt nicht vorgeworfen haben.Was dann im US-Verteidigungsministerium zur Auffassung führte, daß der Pilot keineswegs ein Zivilfahrzeug, sondern sehr wohl ein militärisches Ziel traf."Es gibt nur diesen einen Vorfall nördlich von Djakovica", betonte Shea und versuchte damit seinen entscheidenden Fehler vom Vortag zu korrigieren, als er von einem irrtümlichen Bombenabwurf südlich von Djakovica berichtet hatte.

Das Informations-Tohuwabohu bei der NATO liegt nach Ansicht von Diplomaten in der Struktur des Bündnisses begründet: Die Regierungen einer Reihe von Mitgliedstaaten unterrichten ihre nationale Öffentlichkeit völlig unabhängig vom Bündnis - vor allem Washington und London machen die Pressearbeit täglich selbst.Und in der NATO spricht Shea als Vertrauter von Generalsekretär Solana in allen politischen Fragen, die Militärs aus dem Europa-Oberkommando in Mons haben ihre eigenen Sprecher.

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