Politik : Leipzig – das sind wir

DIE OLYMPIABEWERBUNG

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Von Armin Lehmann

Dem Sport wird manches zugeschrieben. Da rackern Athleten, da hält ein Team zusammen, da gibt keiner den Sieg verloren. Und wenn sie schon verlieren, dann erhobenen Hauptes. Den Deutschen wird gerade im Sport nachgesagt, sie könnten es auch in scheinbar auswegloser Lage immer noch schaffen. Gilt das noch? Sollen die Olympischen Spiele 2012 wirklich noch nach Deutschland kommen?

Leipzig führt gerade vor, wie es nicht geht. Und nicht weitergehen kann. Denn alle, die jetzt lachen, weil sich doch vermeintlich nur eine Stadt blamiert, sollten daran denken: Wenn es schief geht, lacht die Welt übers ganze Land.

Der Bundeskanzler war es, Gerhard Schröder, der am 12. April dieses Jahres laut applaudierte, als Außenseiter Leipzig die nationale Ausscheidung gewann. Während sich viele darüber lustig machten, dass die Heldenstadt international keine Chance haben werde, dachte die Bundesregierung auch an den Aufbau Ost. Und an ein aufbauendes Signal in Zeiten schwerer Reformdebatten. Es war nichts falsch daran zu sagen, dass die Leipziger Bewerbung ein Signal des Aufbruchs sein sollte für den Standort Deutschland, den ganzen, nicht nur für den Osten.

Jetzt geht es weniger um Aufbruch als erst einmal darum, Leipzigs Bewerbung zu retten. Die Macher, das Nationale Olympische Komitee, die Stadt Leipzig und das Bundesland Sachsen, haben bisher vor allem eines gezeigt: wie naiv sie waren. Dass sie glaubten, bürokratisch olympisches Feuer entzünden zu können, mit Pathos vom Schreibtisch! Dazu die Vetternwirtschaft – und so sieht es dann aus: Die Verantwortlichen haben sich verstrickt in Personalgerangel, in Ausreden über Fehler und Debatten über Inkompetenz. Hinzu kommt, dass Sachsens CDU mindestens zeitweise den Eindruck aktiv gefördert hat, sie wolle Leipzig opfern, um Dresden zu halten, sprich: bei den Landtagswahlen 2004 keine Konkurrenz durch Leipzigs SPD-Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee riskieren. Auch mit solchem Denken muss jetzt Schluss sein.

Es geht um Leipzig als Heldenstadt und Boomtown, um Sachsen, um den Osten, um das ganze Land. Berlin hat vor zehn Jahren mit seiner geradezu stümperhaften Bewerbung um die Olympischen Spiele 2000 genügend Schaden angerichtet. Und damals galt schon, dass Olympia international nur zu gewinnen ist, wenn nicht nur eine Stadt dahinter steht. Noch ist es nicht zu spät für eine nationale Anstrengung.

Das Internationale Olympische Komitee prüft im Mai 2004 zunächst nur die nackten Zahlen und das Konzept. Es mag ja sein, dass Kritiker Leipzig die Frage vorhalten, wer in welche Unterkünfte mit welchem Standard zieht – trotzdem kann sich das Konzept der „kleinen Spiele“ im Vergleich zum selbstverständlich gewordenen Gigantismus sehen lassen. Dass das Gegenmodell Leipzig funktionieren könnte, hat das IOC schon angedeutet. Die erste Hürde kann Leipzig schaffen. Danach ist alles offen.

Beifall klatschen, wie es Schröder vor sieben Monaten getan hat, reicht nicht mehr. Der Sport allein ist hoffnungslos überfordert, auch deshalb, weil er zerstritten dasteht, so zerstritten wie selten. Die Stadt Leipzig und das Land Sachsen haben selbst noch keine Person mit internationalem Profil gefunden, die Deutschland vertreten kann. Vielleicht schafft das der Bundesinnenminister? Oder der Kanzler? Wenn die Bundesregierung Leipzigs Bewerbung ernst nimmt, erklärt sie sie zur gemeinsamen Aufgabe. Dann aber muss sie Leipzig einen international fähigen Strippenzieher zur Seite stellen, am besten im Team mit einer versierten Person aus der Wirtschaft. So kann noch was aus der Bewerbung werden. Verlieren kann man dann immer noch – lächerlich machen darf man sich aber nicht. Nicht wie mit Berlin 1993.

Dass und wie es gelingen kann, auf internationalem Parkett Fäden zu ziehen und große Veranstaltungen ins Land zu holen, hat Franz Beckenbauer mit der Fußball-WM 2006 gezeigt. Mag man hier zu Lande auch lächeln über den Repräsentanten Beckenbauer und sein bajuwarisches Verständnis von Diplomatie – es hat funktioniert. Was lehrt: So eine Größe sollten sich die Verantwortlichen für Olympia in Leipzig auch leisten. Mindestens.

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