Politik : Leise Kritik trotz Zustimmung des Parlaments

LONDON (mpl).Premierminister Tony Blair gab schon in der ersten Stunde der Militäraktion gegen den Irak die Losung aus, die am Donnerstag alle wiederholten."Uns blieb keine andere Wahl.Wir mußten handeln", sagte er, an das nationale Fernsehpublikum gerichtet, vor dem festlich geschmückten Tannenbaum in Downing Street.Am Morgen tauchte in den Schlagzeilen der Blätter in Kriegsberichter-Manier fast überall das Wort "Blitz" auf.Seit den V-2-Angriffen auf London im Zweiten Weltkrieg nutzen die Briten das Lehnwort für knappe Beschreibung vernichtender Überraschungsangriffe.Die Alliierten hatten den "Blitz" gegen den Irak gestartet.

Im Parlament hatte sich schon vorher eine große Koalition der Zustimmung zu gewaltsamem Vorgehen abgezeichnet.Die Opposition von Konservativen und Liberaldemokraten erklärte der Regierung ihre Unterstützung.

Lediglich aus den eigenen Reihen sah sich Blair der Kritik ausgesetzt.Der Abgeordnete Tony Benn als Repräsentant des kleinen linken Flügels in Blairs "New Labour" hatte sich gegen die Bombenlösung ausgesprochen.Er fragte seinen Parteifreund und Regierungschef: "Warum machen Sie alles, was Ihnen Präsident Clinton sagt?"

Der schottische Unterhausabgeordnete George Galloway verurteilte die Angriffe.Er hatte zuletzt für Schlagzeilen gesorgt, als er krebskranke irakische Kinder, die wegen Mangels an Medikamenten im Irak nicht behandelt werden konnten, auf seine Kosten zur Behandlung an Krankenhäuser in Glasgow bringen ließ.

Auch in den Kommentaren der Zeitungen wurde die Berechtigung der Luftangriffe nirgendwo ernsthaft angezweifelt.Während die Aktion von der Boulevardpresse begrüßt und verteidigt wurde, versuchten die seriösen Zeitungen, sich in der Berichterstattung mit Blick auf die Kritik aus Frankreich und China distanziert zu geben.

Der Kabelsender Sky News wies vor allem darauf hin, daß Amerika nicht von Clinton, sondern von Premier Blair zuerst über die Raketenangriffe erfahren habe.Um 22 Uhr Ortszeit war Blairs Erklärung vor seinem Amtssitz in Downing Street Nummer 10 live übertragen worden, sowohl in Großbritannien als auch den USA.Das zeige die enorm wichtige Rolle, welche Großbritannien einnehme, so Sky News.

Dagegen fragt der "Express": "Werden wir in einen blutigen Konflikt hineingezogen, nur um einen amerikanischen Präsidenten in schweren innenpolitischen Problemen zu stützen?"

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